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Montag, 01.09.2008

Mittendrin statt „nur“ dabei

Ötztalrunde 31.08.2008

Mittendrin statt „nur“ dabei

Der Urlaub ist seit zwei Wochen vorbei, das Rennrad und ich hatten in den Lienzer Dolomiten und am Caldonazzo-See nochmal ein paar schöne Höhenmeter gesammelt und eigentlich wollte ich im September noch eine gröbere Aktion machen – so schön vorbereitet wie ich war.

Nach den ersten Arbeitstagen dann die große Unlust, ich ging lieber laufen als radfahren, die Formkurve war ja schon vor dem Urlaub im freien Fall nach unten, da nützte dann das schöne Naturerlebnis der Urlaubsausfahrten dummerweise auch nichts, mich da wieder richtig rauszuholen.

Also Aktion abblasen.

Den Ötzifred im Forum mitzuverfolgen, das gehört irgendwie dazu, also fleissig mitgelesen und die Wetterberichte verfolgt, aber nichts weiter dabei gedacht bzw. gedacht, OK, wird dann am 31. August vermutlich eh wieder naß werden, was solls, Saison ist vorbei. Die Konzentration auf andere Sportarten kann stattfinden.

Blöd nur, dieser Wetterbericht. Und parallel dazu, am Samstag Mittag tut sich recht spontan ein gut 30-stündiges Zeitfenster auf, wenn man die Nacht dazu nimmt. Doch noch in die Berge? Au ja! Wohin? Keine Ahnung. Hmmmmmmmmmmmm... Letztes Jahr kam bei der F-Ötzi-Runde vom Rosti so ne kleine Anregung, das Ötzi-Geschwür doch mal ganz locker zu fahren und einfach mal den anderen beim Arbeiten zuzuschauen. Zudem im Forum noch diese Ansage, die Runde mit ordentlicher Einkehr zu verbinden und einen auf Genuss zu machen.

Komplettiert wurde das dann von mir, indem ich mindestens eine Stunde vorher starten wollte. Was mir wunderbare Einblicke in die Abläufe der ersten 3 Stunden des offiziellen Events, die ich normalerweise dank meiner mäßigen Leistung nie miterleben dürfte, geben sollte.

Alles klar, Ötzi als Tourist oder eben mittendrin als Zuschauer, der permanent seinen Standplatz wechselt.

Schnell noch ein paar Gels gekauft, der Rest war komplett, Material ins Auto und nach einem leckeren Abendessen um 20 Uhr ab auf die Piste. Dank völlig reibungslosem Strassenverkehr war ich um kurz nach Eins am Sonntag Morgen in Längenfeld. Auto direkt an der Therme abzustellen ging nicht, also heimlich hinter einer Scheune versteckt und nach ca. 3 h Schlaf das Fahrzeug anderweitig in Längenfeld geparkt. Die Nacht war im übrigen sternenklar, die Sterne schienen zum Greifen nahe, meine Laune war saugut.

Frühstück: Kekse, Apfelschorle. Nicht weiter schlimm, ich wusste ja, das ich an geeigneter Stelle ordentlich was verputzen würde.

Während ich so mein Zeug in den Rucksack packte nahm der Verkehr Richtung Sölden sehr deutlich zu, speziell die Motos fuhren, als gäbe es kein Morgen. Klar, dass einer schon gleich mal die Verkehrsinsel mitnehmen wollte. Irgendwie hat er es hingekriegt, mit seiner Enduro da drüber zu kommen. Na sauber, geht ja gut los.

Schlag 5:45 Uhr hatte ich das/den/die Ergomo-Zicke aufgeweckt und bin gemütlich bis nach Ötz gerollt. Rennradler ohne Licht kamen entgegen, ganz witzig bei dem nicht enden wollenden Verkehrsstrom.

In Ötz stand der Kreisverkehr schon voller Polizisten, Motos standen bereit, jeder hatte gute Laune und wir wünschten und einen schönen Tag. Vor mir gleich eine junge Dame auf'm Renner mit dickem Rucksack, vermutlich ein pedalgetriebenes Verpflegungsfahrzeug für jemanden in der Kühtaiauffahrt. Leider blieb sie stehen, so war halt kein Schwatz berghoch möglich. Auf Höhe Ötzerau kam dann der Hubschrauber ins Tal eingeschwebt, talauswärz begann die Sonne die weit entfernten schroffen Felswände dezent auszuleuchten – fantastisch, dies sehen zu können.

Ortsende, bevor der Weiderost kommt. Ich halte mal an wg. Jacke wegpacken und werde von einem Radler überholt. Zwei Trinkflaschen am Rahmen, eine weitere unterm Sattel, das Oberrohr voller Riegel geklebt. Auch so'n Materialtransporter für jemand anderen. Ich hole ihn wieder ein und zufällig irgendwo im TJ sehen wir uns wieder. Ist er also trotz Helferdienst die Runde auch fertig gefahren – super.

Ich bin eine Weile alleine für mich, höre nur den Bach. Dann kommen die ersten Motos hochgeschossen. Unglaublich. Mich geht’s ja nix an, aber die nehmen sinnlos volles Risiko – es stehen ja genug Kühe rum, die mal zum unausweichlichen Hindernis werden könnten. Die Kühe, also, das war ein besonderer Spaß. Langsam dran vorbei, ein freundlicher Klaps von mir, ein Streichler auf der Nase, dafür dann ein freundliches Muuuuuhhhhhh. Was hatte ich gute Laune.

Bis zu dem Moment, wo der Ötzi-Ballon-Anhänger-Fahrer versuchte, einen belgischen Begleitwagen (Das es sowas gibt, ich dachte, das ist unerwünscht?), der sich knapp hinter mir befand, zu überholen. Also Ballon, Belgier und Pinguin parallel. Belgien streift Pinguin fast am Ellenbogen. Ich war leicht angepisst.

In der nächsten Ortschaft (Haimig oder so) dann schon mehr Leute, die als Supporter da standen. Freundliches Hallo und überall entspannte Gesichter. Plötzlich seh ich den Belgier parken, hin und dem Typen ein paar deutliche Worte ins Gebälk geschraubt. Er: Ich habe keinen Radfahrer gesehen. Häää? Klar, er hatte nämlich während der Fahrt in eine Karte geglotzt.

Die netten Rindviecher waren ja auch noch da, ich habe noch ein paar Streicheleinheiten verteilt und eine Kuh wollte sogar Banane probieren. Ich habe mich aber nicht getraut, ihr was hinzuschmeissen – keine Ahnung, was so ein Kuhmagen dazu sagt.

Oben auf'm Kühtaisattel Menschenmassen, es war schon echt viel los, ich bin in dezenten Schlangenlinien und pfeiffend die letzte Rampe hoch – net, dass noch einer meint, er muss mich anfeuern oder interviewen.

Brunnenwasser tanken, Banane verputzen und Kleidung anziehen war gleich erledigt. Ein paar Augenblicke Atmosphäre tanken und runter gings. Schön auf der korrekten Strassenseite, schön vorsichtig und entspannt. Die Highspeedstelle nahm ich mit dezenten 88 km/h, mehr als genug, ich wollte doch nicht so rasen, aber es war halt so schön.

In Kematen bin ich dann Richtung Axams, um von dort aus auf die Brennerstrasse aufzufahren. Es hätte in Mutters ein nettes Cafe gegeben, aber ich hatte zunächst noch keinen wirklichen Hunger. Erstmal sehen, wie die Spitzengruppe so agiert.

Vorneraus die Polizeimotos und auch diverse Helfer, wieder diese lustigen Begleitfahrzeuge, die es eigentlich gar nicht gibt, dann mal das Führungsfahrzeug mit der Uhr drauf, es waren 2:31 h vergangen laut dieser Uhr, für die offiziellen Teilnehmer. Ich war also auch schon fast 4 h unterwegs und fühlte mich einfach prächtig. Dieses unglaubliche Wetter!

Dann wurde es hektischer, der entgegenkommende Verkehr wurde von Polizeimotos eingebremst, ein tschechischer Begleitwagen schoss an mir vorbei und hätte kurz darauf ein entgegenkommendes Urlaubermotorrad beinahe frontal abgeräumt – ganz großes Kino.

Ein Rückblick von mir in die eben gefahrene Kurve, wenige hundert Meter zurück kommt die Führungsgruppe. Ich bin dann links raus auf eine Parkplatzfläche und habe zugeguckt, wie die erste Reihe breit aufgefächert locker plaudernd da „hochgeeiert“ ist. So gegen 9:40 Uhr war das.

Weiter im eigenen Trott und es dauerte bis etwa zum Kreisverkehr mit Tankstelle und Autobahnauffahrt, bis ich von der nächsten Gruppe überholt wurde. Das waren dann schon etwa 20 Minuten Abstand. Einige weitere Touristikfahrer waren in der Gruppe, so bin ich an letzter Position ein Stückchen mitgerollt. Das Tempo war moderat, da hat noch keiner überdreht.

Kurz vor Wolf bin ich runter von der Strasse um Kleidung abzulegen, netter Plausch mit einem Helfer und dann kam die dritte Gruppe, das waren dann gleich mal 150 oder mehr Fahrer, würde ich schätzen. Der Helfer nannte dafür auch etwa 25 Minuten Abstand bis zur Führung.

Danach kam wieder lange nichts mehr, erst im Steilstück wurde ich von diversen Fahreren überholt, hier war dann Timberwolf mit drin. Schön anzusehen: Das teilweise profimäßig anmutende Bereitstellen von Verpflegung, die kreativen Ideen zum Anfeuern der eigenen Leute und auch der anderen.

Am Brenner dann gleich nach dem neuen Kreisverkehr war dann für mich gegen 11 Uhr Frühstücksboxenstop. Kaffee, Apfelschorle, Apfelstrudel. Sicherlich 30 Minuten bin ich dort gesessen und habe mir die lange, nicht abreissende Kette der Radler angeschaut.

Na ja, irgendwann muss ich auch mal weiter und so ging es sehr kontrolliert den Brenner runter, kurz vor Sterzing dann Pinkelpause und Klamotten wegpacken, die Karavane ist schier endlos an mir vorbeigezogen.

Die Trinkflasche ist voll, der Jaufen kann kommen. Ich habe keine Ahnung, in welchem Leistungssegment des Pulks ich mich befand, schön war halt, dass sehr viel los war, aber die Strasse war nicht überfüllt. Die langsam bergabrollenden Radfahrer hatten wohl keinen Spaß – die hatten sich ihre Passabfahrt wohl auch dynamischer vorgestellt. Pech gehabt.

Irgendwann habe ich mal gefragt, was der Kollege neben mir für eine Zeit im Visier hat. 9-9,5 h. Aha, dann bin ich also noch recht weit vorne unterwegs und muss meinen nächsten Boxenstop etwas ausdehnen, damit ich auch mal andere Leistungen begleiten darf. Meine eigene Leistung kontrollierte ich via Wattmesser, immer schön GA2, damit die Sache auch später nicht anfängt weh zu tun.

Da ich ein Paniksäufer bin, was Wasser angeht und ich wusste, dass am Jaufen keine Brunnen rumstehen (zumindest habe ich noch keinen entdecken dürfen) da habe ich mich ein wenig nach herrenlosen, achtlos weggeworfenen Trinkflaschen umgeguckt. Und siehe da, da liegt ne Wasserflasche unterm Piaggio-Dreirad, verbeult und mitgenommen, aber egal. Glugg-Glugg-Glugg, schon war aufgetankt.

Toll fand ich die letzten Kilometer ab Waldgrenze, bislang hatte ich das so noch nicht gesehen, wie sich die Perlenkette der Radler komplett sichtbar bis zur Labe zieht. Leider war auch sichtbar, dass sich ein Wetter zusammenbraut.

Oben dann das Rad abgestellt und in der Wirtschaft Brotzeit gemacht. Dazu lief Moto GP 250 ccm und der Wirt und ich haben baff gestaunt, wie die Jungs sich trotz Kollision noch auf den Rädern halten. Ich dachte mir, gut, dass das sonst keiner sieht von wegen der Übermotivation für die Jaufenabfahrt. Für mich war klar, schön piano.

Zurück beim Rad, ich schiebe und denke mir, huch, das geht aber schwer. Blick ans Hinterrad – ne dicke Acht! Ach verdammt, Speiche links gerissen. Bin ein Stück abgefahren und in einer Kehre stand ein schöner Tisch am Rand, da habe ich nachzentriert. Klar, danach äusserst vorsichtig weiter, mehr im Stehen als im Sitzen, jeden Schlag vermeidend. Ging gut – für mich. Aber wohl nicht für den Einen oder Anderen sonst. Drei Räder standen herrenlos. Platter Hinterreifen, Schlauch rausgezogen, Mantel irgendwie dazwischengewurschtelt – nur als Beispiel. Kann man sich ja leicht ausmalen, was da so alles passieren kann. Ansonsten doch auch einige Leute mit Platten, die geflickt haben.

In St. Leonhard an der üblichen Stelle dann die Klamotten weg, das HR geprüft, OK, geht gut, der Seitenschlag hat sich nicht verändert. Ein Schwätzchen mit einer Frau, die angefeuert hat. Der Blick auf die Besenwageneinsteiger. Vllt. Magenverstimmung, die Wärme, keine Kraft mehr? Schon schade, wenn das dann so ausgehen muss.

An der Stelle wurde mir der bekannte Spruch wieder gegenwärtig, dass jeder, der die Runde bewältigt, ein Sieger ist.

Wasser hatte ich noch genug, die nächste Gelegenheit zum nachfassen hatte ich schon geplant. Also auf geht’s, letzter Anstieg. Es war heftig warm, es lag unglaublich viel Dreck rum. Es hätte ab hier, wenn der Rucksack noch Platz geboten hätte, eine wahre Kleidersammlung stattfinden können. Da ein Armling, dort eine Weste, hier ein Handschuh.

Spaßig auch all die Tablettenpackungen, die Glasröhrchen, die Fläschchen...

Es lief ab da recht leger für mich, ich fühlte mich richtig wohl und ich war zufrieden. Bei Moos sitzt ein Bekannter im Schatten und wir plaudern ein wenig, gleich darauf kommt meine Begleitung für den Timmelsjochanstieg ums Eck und wir fahren gemeinsam weiter. Leider hat Frau E. nach der Kehrengruppe einen Platten, die Seitenwand des hinteren Ultremo hat einfach aufgegeben. Pffffffffffffffff...

Die Reparatur zog sich in die Länge, aber irgendwie war die Angelegenheit auch lustig. Wasser gabs vom Kleingartenbesitzer direkt in der Kurve, schattig war es und ein Motorradfahrer ohne Sprit, der dann aber gemerkt hat, dass er eigentlich doch noch Benzin hat, war auch da. Wir frotzelten über so manches und fluchten aber auch über den Reifen, den blöden.

Neben uns im Schatten ein Krampfopfer. Der schrie vor Schmerz und war ein echtes Elend. Ich würde sagen, ab da hatte ich meinen Eindruck zu den Leuten, denen es halt am TJ wirklich weh tut. Geschoben hatten eh schon manche – aber die Verkrampften, uiuiuiuiui...

Für uns gings weiter, plaudernd über alles Mögliche ging es in gutem Rhythmus vorwärts, es war ein echtes Vergnügen mit charmanter Begleitung den Hupsel niederzuringen!

Auch ein Vergnügen ist irgendwann mal zu Ende. Durch den Tunnel durch und was ist? Mistwetter deutet sich an. Frau E. wollte direkt schnellstmöglich in die Gegensteigung knallen, ich musste mein waidwundes Geröhr vorsichtig bergab tragen – also trennten sich hier unsere Wege. Im noch trockenen Teil in einer der ersten Kehren lag wieder ein Kollege, Finger gscheid blutig, aber ein bergauffahrender MTB'ler half schon. Paar Meter weiter der erste Tropfen. Na klasse. Im Beginn der Gegensteigung war ich tropfnass, ich bin aber in kurz/kurz+Knielinge (den ganzen Tag am Knie gelassen, störte nicht) bis unters schützende Dach der Mautstation. Davor wäre ich allerdings noch fast über einen Kollegen gefallen, der just vor mir einfach umgekippt ist. Krampf und bautz!

Unterm regen- und windgeschützten Gebäude dann Klamotten drauf – alles, was ich dabei hatte. Was war ich froh um das Material.

Die Abfahrt war kein Spaß. Nur mit einer Bremse die Fuhre vernünftig bei den Wassermassen zu verzögern war knifflig. Ablegen auf den letzten Kilometern, das wollte ich mich nun wirklich nicht. Es ging alles glatt (bzw. eben nicht glatt) und so zitterte ich mich der ersten Ministeigung entgegen, damit der Körper wieder Wärme produziert. Es war richtig mistig kalt. Ähnlich wie beim F-Ötzi vom Juni. Eigentlich austauschbar mit damals.

Sölden kam dann in Sicht, ich bin durch den Bogen geeiert, das Spektakel dort interessierte mich nicht mehr, mir war einfach zu kalt. Und dann waren es nur mehr 10 km bis zum Auto.

Ein netter älterer Herr hat mich dann, während ich planlos mein Zeug zammpackte (frieren ist schlecht fürs Denken, glaube ich) ein wenig unterhalten und nachdem die Katzenwäsche erledigt war gings ab nach Ötz, Salat, Suppe und Pizza bunkern.

Gegen 20 Uhr auf die Piste, bis 21:30 Uhr war ich in Garmisch, dort bis 0:30 Uhr gepennt und drei Stunden später war ich daheim. Duschen, Bett.

Aus die Maus, schön war's.

Montag, 12.03.2007

Umbaubericht ALAN Telaio SL




[geschrieben im Mai 2006, Ergänzungen chronologisch nachfolgend]





Vorgeschichte



Grundgedanke für das neue Radprojekt war im Sommer 2005 der Leichtbau eines alltagstauglichen 1x1-Rades, welches weniger als vier oder fünf Kilo wiegen sollte. Damals war ich unterwegs, mich nach geeigneten Rahmen zu erkundigen und bin mit einem Radhändler so verblieben, dass er mir einen passenden Titanrahmen recherchiert und sich meldet. Weiterhin sollte das Rad 'unbedingt' mit Laufrädern in der Gewichtsklasse 1.000 bis 1.100 Gramm ausgestattet werden. Titanrahmen custommade plus dieser Laufradsatz wäre eine finanzielle Größenordnung gewesen, die mir vorschweben ließ, dieses Projekt passend zum irgendwann mal kommenden nächsten runden Geburtstag starten zu lassen.





Doch schon 2006?



Im Frühjahr 2006 hat mich der Hafer gestochen und ich war der Meinung, schon eher mit dem Leichtbauprojekt zu beginnen. Nur, der Titanrahmenrechercheguru hatte sich nie mehr bei mir gemeldet. Was machen? Halt selber was suchen. Ich hatte mich zunächst mal hingesetzt und ein längeres Lastenheft für einen Alu- oder Stahlrahmen erstellt.



Die lange Phase des Grübelns hatte sein Gutes. Zum Einen bin ich selbst leichter geworden und ausserdem ist mir Titan doch zu teuer. Es wollten ja die netten Laufräder auch noch finanziert werden. Es fiel der Beschluss, dass meine persönliche Gewichtseinsparung auf das ehemalige Zielgewicht des Rades draufgesattelt und somit eine Obergrenze von sechs bis 6,5 Kilo definiert ist. Punktum...



Dadurch hatte ich Spielraum im Rahmenbereich. Wichtigster Aspekt des Rahmens war ein Ausstattungsmerkmal: Ausfallenden, die das Verschieben der Hinterachse zulassen. Und damit verbunden leider eine Einschränkung bei der Auswahl fertig kaufbarer Rahmen (in Verbindung mit zwei weiteren Parametern). Bahnrahmen wollte ich nicht. Zu schwer und 120 mm Hinterbau. Ist mir zu schmal für den eher universellen Ansatz, mit den teuren Laufrädern umzugehen. Dann gibt es von Gios das New A90 Gestell, hier wäre die Hinterachse verschiebbar und das Gewicht von etwa 1,4 Kilo nicht schlecht. Leider hat der Rahmen einen integrierten Steuersatz. Der Gios Compact Pro wäre auch mit verschiebbaren Ausfallern versehen, ist aus Stahl, hat klassischen Steuersatz und wiegt leider 1,85 Kilo.



Damit bin ich nicht so arg weit weg von den Stahlrahmen, die ich aktuell fahre und das Preis/Leistungsverhältnis stimmt nicht. Wenn ich 2 Kilo Alteisen für lau im Keller stehen habe, warum soll ich dann 700 Euro für 200 Gramm ausgeben? Unsinn im Quadrat.



Also etwas individuell fertigen lassen? Das Lastenheft wurde ausdetailliert und auf schlussendlich fünf Seiten stand, was ich haben wollte. Wen nun damit ansprechen?



Durch Zufall bekam ich eine Tipp ? in einem Nachbarort gibt es einen Rahmenbauer, ähnliche Projekte hatte er schon gefertigt, ein paar Bilder gibt es im Web dazu. Ist doch schön.



Direkt in der nahen Umgebung jemand der sowas bauen kann. Zu schön, um wahr zu sein. Voller Optimismus habe ich mein Anliegen persönlich vorgebracht und alles mit dem Chef durchgesprochen. Ich bekam einen Rückruf innerhalb weniger Tage versprochen. Nachdem fast vier Wochen ohne Anruf vergangen waren und ich mittlerweilen eine preisgünstige Alternative zu meinem Wunschlaufradsatz gefunden hatte und mich da schon entsprechend weit reingegraben hatte und endlich anfangen wollte, dann kam mein Urlaub.





Alles anders...



Die ungeduldige Nachfrage beim Rahmenbauer ergab nichts. OK, wer nicht will, der hat schon. Also schicke ich das Lastenheft halt an jemanden, der wirklich Interesse an dem Auftrag haben könnte.



Aber erstmal im Garten nach dem Rechten sehen. Ich mache schön brav die Gartenmöbel sauber und schaue dabei in Nachbars Garten. Mir fällt ein:



Der Nachbar hat ein Rennrad im Keller stehen. Ein schönes, altes Rennrad. Ich kann mich an glänzend rote Rohre und schöne Alumuffen erinnern. Was er damit wohl noch macht? Der Herr ist fast so groß wie ich. Hmmmmm... Ich frage ihn mal, ob er sich vielleicht von dem Schmuckstück trennen möchte.



Na also, er kommt gerade in den Garten und wir machen ein Pläuschchen. Ich fädle die Sache ein und irgendwie zieht er aber nicht so richtig. Na ja, erst mal die Saat ausbringen, wird schon werden. Ich habe Zeit.



Plötzlich kommt er die Kellertreppe hoch und trägt was rot/silbernes in der Hand. Das Fahrrad! Ja wie? Hat er es sich schon überlegt? Ja, er würde verkaufen, auch wenn es ihm schwer fällt, da ja alle fünf Jahre das Sportabzeichen ansteht und er damit immer gefahren ist. Aber er hat das schöne Stevens-Fitnessrad und damit kann er doch viel leichter rollen, entgegne ich. Alles klar. Ich schnappe mir die Kern-Waage und den Zollstock und bin wie eine gesengte Sau unterwegs in Nachbars Garten.



Das Rad wiegt so, wie es da steht 9,5 Kilo! Mich haut es bald um. Damit ist klar, das Rahmenset taugt für mein Vorhaben. Das kann gar nicht schwerer als vielleicht 1,8 Kilo sein, eher leichter.



Wir haben noch eine Weile rumfilosofiert und ich habe erfahren, dass das Rad Mitte der 80er gekauft wurde, dass der Nachbar damit viel in den Alpen unterwegs war und dass er damit keine Probleme auf Abfahrten etc.hatte.



Ja, es ist also ein 'Alan Telaio Superleggera' in rot/silber und Größe 57x57. Ausgestattet mit Dura-Ace und Campagnolo (vermutlich Record), Drahtreifenfelgen von Wolber usw. Lauter schönes Material in recht gutem Zustand. Lediglich die linke Kurbel hat im Bereich des Kurbelschraubendeckels mal etwas abbekommen, da sind deutliche Kratzspuren zu sehen. Der Rahmen hat bis auf kleine Scheuerstellen vom Bremszug hinten keine optisch wesentlichen Mängel. Die Alumuffen sind etwas angelaufen, das kann ich aufarbeiten.



Der Preis dafür? Niedrig. Deutlich niedriger als das, was ich mir spontan als Maximum gesetzt hatte. Das Geld war gleich beim Nachbarn und ich habe mir das Rad unter den Arm geklemmt.



Die Gartenstühle sind schnell fertig gemacht und mit dem Restwasser den Flitzer schnell saubergewischt und dann eine Reihe Photos vom Originalzustand geknipst.



Entschuldigung für die schlechte Bildqualität, mir war in dem Moment nicht so danach, irgendwas am Photoapparat zu beachten.





































































Zerlegen!



Schnell alles Werkzeug aus dem Keller an die Sonne bringen und los geht es mit der Demontage des Rades. Ich bin ja nicht so der Klassikmaterialfreak und deswegen war ich schon begeistert von dem Material. Erfahrene Klassiker mögen mir das nachsehen...



Erste Überraschung - ein Vorbau von Shimano, Gruppe Dura-Ace? Wußte nicht, dass die sowas hergestellt haben. Noch dazu so seltsam. Die Lenkerklemmung ist unter einem Deckel verdeckt, man muss zwei Inbusschrauben für Konusklemme und Lenkerklemme benützen. Sieht aber schön aus und die Länge könnte mir später noch nützlich sein?



Das gammlige Lenkerband war schnell abgerissen, die beigen Bremsgriffgummis sind leider völlig verrottet, die Bremshebel selbst haben so gut wie keinen Kratzer.



Die Bremskörper sind auch Dura-Ace, ein optischer Genuß! Alleine wegen der Bremskörper hat sich der Spontankauf schon gelohnt. Funktion leichtgängig, recht geringes Gewicht. Diese Teile werden zunächst wieder verbaut werden.



Bremszüge, Schaltzüge, Rahmenschalthebel, Bremshebel, Umwerfer, Schaltwerk waren auch gleich demontiert. Die Schaltmechaniken sehen wunderschön aus.



Der Sattel (Selle Royal) ist eine Wucht - über 300 Gramm für das Sofa. Die Sattelstütze ist von Campagnolo, schaut schön aus, ist aber für eine weitere Verwendung leider zu kurz. Sattelstützenmaß? Aha, 25 mm. Na, das wird lustig, hierfür einen schönen, leichten Ersatz zu finden.



Die Laufräder sind in gutem Zustand, die Vorderradnabe (Dura-Ace) hat Spiel, die Felge läuft rund. Das Hinterrad hat einen Seitenschlag, nicht erheblich - denke ich. Alle Speichen (32 Stück pro Laufrad) sind in Ordnung, kein Rost, keine Knicke. Die Felgen von Wolber (Super Champion Alpine) sind kaum abgebremst und wirken sehr schön. Da wird auch wieder was schönes aufgebaut, je nach dem, was die Naben für ein Innenleben haben.



Das Ritzelpaket ist 6-fach und sicherlich nicht mehr zu verwenden, höchstens ein Einzelritzel für einen anderen Eingänger verwendbar.



Die Kette kann ich nicht identifizieren, egal. Die fliegt auf den Müll.



Jetzt wird es interessant, Rahmen, Gewindegabel, Steuersatz, Innenlager und Kurbelgarnitur mit Kettenblättern stehen vor mir. Erst einmal die Gabel ausbauen. Das Teil ist eine Schönheit und wird mit einem Campagnolo-Steuersatz im Rahmen gehalten. Der obere Steuersatzteil läßt sich gut abschrauben, der Lagerkonus verbleibt an der Gabel, die Lagerschalen bleiben im Rahmen. Die Laufflächen haben nicht die geringste Beschädigung. Der Steuersatz bleibt zusammen mit der Gabel und dem Rahmen ein Set. Zunächst. Auch wenn es meinem Leichtbaugedanken weh tut, der Steuersatz ist eigentlich viel zu schwer.



Aber die Gabel! Inklusive Lagerkonus wiegt das Ding 570 Gramm. Das ist nicht so schlecht. Optisch kann ich mir an dem Rahmen eine leichte Vollcarbongabel nicht wirklich vorstellen. Gut, da muss ich mal drüber nachdenken, Potenzial für sicherlich 250 Gramm Gewichtsreduzierung liegt an dieser Stelle vergraben. Eine spätere Ausbaustufe?



Jetzt muss die Kurbel demontiert werden. Kurbelschraubendeckel rechts ist gleich unten. Doch was ist links? Der Deckel läßt sich nicht öffnen. Wie oben angedeutet ist die Kurbel im Bereich des Deckels stark angekratzt, der Deckel durch diese Verformung sozusagen eingeklemmt. Eigentlich kein Problem, ich hole den Dremel mit einer Trennscheibe und schneide den Deckel auf, dabei schneide ich auch in die Kurbelschraube, aber das ist egal. Danach wird der Deckel mit dem Schraubendreher rausgehebelt, leider bricht das Gewinde ab, d.h. Gewindereste des Deckels befinden sich im Kurbelgewinde. Ein Abzieher kann wg. der Kurbelbeschädigung und wegen der Reste im Gewinde nicht angesetzt werden.



Nicht mal die Kurbelschraube bekomme ich raus, denn die 15er Nuß hat zwischen Schraubenkopf und Kurbelgewinde nicht genug Spielraum.



Was tun? OK, die linke Kurbel wird geopfert, ist eh stark verkratzt und ich plane ein neues Lager einzubauen (vorhandenes Shimano Ultegra als funktionaler Startpunkt). Ich könnte natürlich die Innenlagerwelle absägen, aber das Innenlager soll wenigstens für eine Probefahrt und Tests noch drin bleiben. Also wird schonend gearbeitet und viel gedremelt und gesägt. Die Aktion hat einigen Schweiß und wirklich viel Zeit gekostet. Nach und nach habe ich den Vierkant vorsichtig freigelegt und schlussendlich konnte ich die Kurbel mit einem beherzten Ruck abziehen.



Das Innenlager dreht sich leichtgängig, vermutlich fehlt nur etwas Fett und ich könnte es weiter benutzen.



Jetzt erstmal ein Griff zur Kern-Hängewaage. 2.060 Gramm wiegen Rahmen, Lagerschalen und Innenlager zusammen. Durch Infos aus dem Web bin ich zum Schluss gekommen, dass die Lagerschalen etwa 60 Gramm wiegen. Das Innenlagergewicht schätze ich auf 250 Gramm. Somit würde der nackte Rahmen etwa 1.750 bis 1.800 Gramm wiegen.Alle Einzelteile habe ich gewogen und in eine Tabelle eingetragen. Zwischen Gesamtgewicht und Summe aller Einzelteile gibt es eine Differenz, ich vermute, dass die Küchenwaage nicht sauber arbeitet. Alles, was ich identifizieren, messen und sonstwie erfassen konnte, habe ich festgehalten (http://forum.tour-magazin.de/attachment.php?attachmentid=50681).





Der Neuaufbau als 1x1



Die Vergleiche mit der Referenzrahmengeometrie zeigten, dass der Rahmen zwei cm niedriger und einen cm kürzer ist. Kein Problem, Sattelstütze weiter raus, Schaftvorbau etwas raus und einen längeren Vorbau verwenden. Kein Problem? Die Sattelstütze, die wurde das Problem. Das Original ist zu kurz. Um zwei oder drei cm. Schade. Eine 25 mm Stütze mit 300 mm Länge müsste es sein. Leichter Versatz wäre auch nicht schlecht. Blos, der Keller gibt nix her. Wenn ich 100%ig von der Geometrie überzeugt gewesen wäre und was schönes in silber gefunden hätte, dann hätte ich im Web gleich bestellt. Nix war's. Was ich gefunden hatte war schwarz bzw. silber und sackschwer.



Ich war aber neugierig und so bin ich in die Stadt zum örtlichen Händler und habe eine billige x-tas-y-Stütze mit 400 mm und 25,4er Durchmesser ergattert. Nicht genau das richtige, aber schon nahe dran. Kann nicht so wild sein, vier Zehntel von Hand abzuschleifen?



Das hat dann doch drei Stunden gedauert, hätte ich es lieber gelassen. Feile, Dremel, Diamantschleifpapier, 80er Sandpapier, 120er Sandpapier. Ich hatte "Spaß", Staub und Bewegung. Ganz toll. Zu guter Letzt habe ich eine Stütze mit 26 cm Länge und erträglichem Gewicht (240 Gramm) zurechtgezimmert für erste Tests. Polieren schenke ich mir erstmal.



Der Rahmen wurde mit Nevr Dull gereinigt (die Muffen natürlich nur), mit weichem Lappen und Hartwachs ging es dann über alles schön dick drüber und dann wurde dieses wunderschöne Gestell ordentlich blankgerieben.



Lose Teile wie Bremskörper und Steuersatz usw. wurden ebenfalls gesäubert, geölt und gefettet und wieder an den Rahmen geschraubt. Die Gabel läuft in den frisch gefetteten Lagern wie zu erwarten, die Bremsen haben ihre Rückstellkraft nicht eingebüßt, nix quietscht oder wackelt.



Dann kam erstmal wieder der Dura-Ace Vorbau in den Schaft, allerdings kombiniert mit einem alten, etwas verkratzten Lenker von Modolo. Der SR Sakae Custom hat einen zu weiten Bogen, so dass ich viel zu gestreckt in Bremsgriffhaltung sitzen würde. Auch jetzt sieht es danach aus, dass ich entweder den Lenkerbogen noch etwas enger wählen sollte oder eine ungekröpfte Sattelstütze nehmen oder den Vorbau einen cm kürzer wählen sollte. Diese Detailabstimmung bzw. Festlegung, welche der drei Komponenten ich wie ändern muss, wird der Probefahrtbetrieb ergeben.



Der Nachsitz ist korrekt, der Sattel sitzt vernünftig auf der Stütze. Ich denke fast, dass ich statt einem 110er einen 100er Vorbau verwenden werde.



Nur leider sind silberne Schaftvorbauten mit ansprechender Optik heutzutage auch schon selten geworden.Als Lenker wäre von ITM "The Bar" interessant. Wäre Alu natur, enger Bogen, aber leider Rillen für Brems- und Schaltzüge. Ich bräuchte maximal eine Rille für die Bremszüge, wenn überhaupt. Vielleicht gewöhne ich mich da auch dran.



Unklar ist noch die Bremshebelei. Für den Probebetrieb werden die Bremsen mit Shimano Bremshebel der 105er Gruppe mit klassisch freier Zugverlegung angesteuert. Die Originalhebel haben keine Gummis mehr und vom Gewicht unterscheiden sie sich nur minimal von den 105er Hebeln. Die bisher verwendeten 600er Hebel von Shimano möchte ich eher nicht mehr verwenden, das Griffstück ist in Bremsgriffhaltung etwas unbequem. Die 105er Hebel sind leider noch schmäler und fallen für permanenten Betrieb deswegen weg. Mit der Lösung, die Hebel mit klassischer Zugführung zu verwenden, wäre ich eigentlich nicht unzufrieden.



Leichter ginge es kaum. Allerdings kann ich mich noch gut daran erinnern, dass ich beim ersten Eingänger irgendwann die Wäscheleinen nicht mehr sehen konnte und genau deswegen die 600er Hebel gekauft hatte. Wenn ich mich nur entscheiden könnte.



Die originalen Bremsklötze sind kaum abgefahren, ich werde sie einfach mal betreiben und sehen, wie die Bremsflanken damit zurecht kommen. Kann gut sein, dass die Klötze zu hart sind. Wenn das nicht taugt, dann kommen moderne BBB-Bremsschuhe mit 7700er Gummis zum Einsatz.



Das Innenlager wurde gegen das Ultegra gewechselt und die vorhandene Shimano Dura-Ace Kurbel BB-7700 in Kombination mit einem 42er "Golden Arrow"-Kettenblatt und kurzen Kettenblattschrauben/Hülsen montiert. Das Campagnolo-Innenlager hatte üble 290 Gramm gewogen! Damit wiegt der nackte Rahmen ca. 1.700 Gramm. Treffer. Ich bin sehr zufrieden.



Die Kettenlinie liegt bei 47,5 mm und die Verbindung mit dem 16er DX Ritzel konnte mittels einer KMC 8-fach Kette plus Halflink optimal hergestellt werden. Die Hinterachse sitzt mittig im Verstellbereich der Ausfallenden, die Spannmuttern liegen komplett auf.



Bei einem Bekannten habe ich dann noch einen schönen 110er Schaftvorbau von 3ttt gesehen und durfte ihn mitnehmen. Das Silber passt besser zum Rad, die Konusklemmschraube ist mit einem kurzen Inbus zu erreichen, die Lenkerklemmung ist auch mit üblichem Inbus zu bedienen. Bessere Voraussetzungen für Änderungen auf den Testtouren. Der Vorbau wiegt aber stolze 290 Gramm.



Oder doch den Cinelli Grammo in 125 oder 135 mm Länge als Neuware kaufen? Er wiegt nur etwa 190 Gramm. Aber komme ich mit der Länge hin? Kürzere Grammos in Neu gibt es nicht mehr.



Die Bremskörper haben noch keine Verbindung zu den Hebeln, ich bin mir immer noch nicht sicher, was ich machen werde.



Dann habe ich den Laufradsatz aus dem Keller geholt und mich ans herrichten gemacht. Das Restfett in der Vorderradnabe war schon zähklebend und ist nur schwer entfernbar gewesen. Neues Fett rein und Konus eingestellt. Läuft wie fast neu. Reifen runter - der Schlauch hat schon eine innige Verbindung mit dem Felgenband begonnen und ist mir mehr oder weniger in Stücken entgegengefallen. Der Drahtreifen wiegt 320 Gramm!



Jetzt gehört die Speichenspannung korrigiert und nachzentriert. Beim Hinterrad ging zum Glück das Verschlussritzel leicht runter, die 6-fach Kassettennabe schnurrt wie unser dicker Kater. Die UG-Ritzel kommen in das Reservekistchen für 1x1-Teile. Die Lagerung gehört noch gepflegt und dann ziehe ich den Seitenschlag raus und erhöhe Speichenspannung und zentriere nach.



Gewicht des Vorderrads ohne Schnellspanner und Felgenband: 800 Gramm. Das Hinterrad wiegt ohne Ritzel, ohne Spanner, ohne Band 990 Gramm. In Summe ist das die gleiche Größenordnung wie der CXP30/36/Dura-Ace Laufradsatz, der optisch auch gut zu dem Rad passen könnte. Ausprobieren.



Der Vorbau macht mir noch Gedanken, ich beschließe, dem großen Milanetti seine Vorbau/Lenker/Bremszugeinheit zu klauen und verfrachte einfach mal ein starkes Kilo Alu, Magnesium und Stahl an das ALAN, um endlich mal fahren zu können.



Als Laufräder tun die FIR Mast vom Rennrad fix ihren Dienst und die erste Probefahrt kann beginnen. Wesentliches Fazit: Ich sitze zu komfortabel, ich brauche wohl den 125er oder evtl. sogar 135er Vorbau. Perfekt. Bestellt und zwei Tage später war er da, in Länge 125 mm.



In der Zwischenzeit habe ich einen ordentlichen Laufradsatz gebaut und dabei einiges gelernt.



Nächstes Sorgenkind: Der Lenker. Ich könnte einen vorhandenen Lenker in silber ohne Rillen nehmen. Wiegt halt mehr als 300 Gramm. Ich könnte den silbernen Lenker vom Rennrad verwenden und dem Rennrad dafür einen schwarzen Lenker spendieren. Bin jedoch zu faul, das Zeug umzubauen. Also kommt der 300 Gramm Bogen an die Reihe, ich will endlich mit Rennlenker testfahren, das Zeug wird später getuned.



Bremsgriffe? Oh weh... Ich entscheide mich für Zugführung am Lenker, entscheide mich, bei Rose die Griffe zu kaufen, die mit 260 Gramm angegeben werden und angeblich gut für kleine Hände sind. Na ja, was für kleine Hände gut ist, kann für meine Pranken nicht so schlecht sein.Das Material kommt pünktlichst und ein verregnetes Wochenende wird intensiv zum Bauen benutzt.Ende vom Lied ist ein einigermassen harmonischer Prototyp, der noch an richtig viel Übergewicht leidet.


8,4 Kilo sagt die Kern-Hängewaage. Den Tachohalter und Sender noch dazu, dann sind es ca. 8,5 Kilo.





Hier die Version 1 dokumentiert:





























































































Erste Eindrücke (Ende Mai 2006)



Das Fahrverhalten ist klasse. Nach etwa 500 km Testerei würde ich mal sagen, das Rad wird mein neuer Liebling.



Dadurch, dass der Rahmen recht klein ist, die ungekürzte Sattelstütze das Sitzrohr stabilisiert und der Schaftvorbau bis in die untere Muffe reicht, ist die Fuhre nicht so labil wie zunächst befürchtet. Die Gabel ist toll. Ich bin noch kein solch komfortables Fahrrad gefahren. Es flattert nicht, auch nicht freihändig bergab und es fährt halt da hin, wo ich es haben will. Ich hab' nix zu meckern an dem Ding. Knarzen tut es auch nicht/(noch nicht?) - ich habe es schon zünftig gequält...





Erste Überlegungen zum Gewicht (Ende Mai 2006)



Die Komponentenüberlegung für die nächsten Schritte steht schon im Detail. Ganz grob wird folgendes gemacht:



Steuersatz gegen Stronglight A9 tauschen: -80 Gramm
Lenker gegen ITM Unika Karbon Lenker oder ITM The Bar tauschen: -200 Gramm
Sattel durch SLR ohne Leder austauschen: -120 Gramm
Sattelstütze um 55 mm kürzen: -20 Gramm
Kettenblatt von 42 auf 39 Zähne wechseln, Ritzel von 16 auf 15 Zähne wechseln - spart ein Kettenglied, Kette dann KMC X10 SL Gold möglich ohne Half-Link. Flaschenhalter aus Aramid: -35 Gramm
Flaschenhalterschrauben aus Alu: -10 Gramm
Innenlager Ultegra gegen Dura-Ace tauschen: -60 Gramm
Bremshebel gegen Le Chi (Suntour Nachbau) tauschen: -75 Gramm
Bremsklötze, Beläge tauschen: -40 Gramm
Laufradsatz tauschen: -1.000 Gramm (kann auch mehr sein)
Pedale gegen Xpedo RF-S1 tauschen: -190 Gramm



Zwischensumme: -1.950 Gramm



Kleinkram:



Lenkerband dünner wickeln
Sattelstützenklemmbolzen tauschen
Kettenblattschrauben/Hülsen tauschen
Zughüllen und Züge tauschen



Summe: um die -2.000 Gramm



Und somit wäre ich dann bei ca. 6,4 Kilo.



Das Thema Kurbel ist noch nicht mal angekratzt, durch den Wechsel auf Titan 4-Kant Lager mit entsprechender Kurbel geht da nochmal deutlich was. Und der Tausch der Gabel bringt auch nochmal -100 bis -200 Gramm. Der Sattel könnte nochmals getauscht werden, aber ich halte es für unpraktisch, mich auf Carbon zu setzen. Extreme Schlauchreifen noch gar nicht berücksichtigt, Systemwechsel Pedal auch noch nicht durchdacht... Potenzial rund um den ALAN-Rahmen ist genug da. Kleiner 6 Kilo geht auf jeden Fall in Ordnung.



Stand heute, März 2007: 6.775 Gramm fahrbereit. Vieles der obigen Liste ist erledigt bzw. in ähnlicher Weise angedacht, die damalige Abschätzung, recht einfach unter 6,5 Kilo zu kommen, hat sich bestätigt.





Erfahrungen etwa Mitte August 2006



Ich habe mit dem ALAN seit Ende Mai etwas über 2.200 km zurück gelegt. Darin enthalten vier Langstrecken um 300 km mit reichlich Höhenmetern.



1. Der Rahmen hält, macht keine Geräusche.
2. Die Dura Ace Schnellspanner packen gut, das HR verreißt es mir nicht dank der guten Verzahnung mit dem rel. weichen Alu der Ausfallenden.
3. Die Bremszangen sind ein Gedicht, die Bremsbeläge aus dem Jahre 1985 eher weniger, wurden durch BBB-Bremsschuhe mit DA-7800 Belägen ersetzt. Jetzt bremst das Rad auch im Nassen...
4. Pedale wurden gegen die Nachfolger ersetzt. Schöner und leichter.
5. Der Cinelli-Vorbau ist nicht so optimal, denke ich. Alle 300-500 km kann ich den Krampf aus dem Vorbau ziehen und mit Kupferpaste (dick aufgetragen überall) wieder zum Schweigen bringen. Leicht ist er, aber taugt nix. Der Vorbau ist das einzige Teil am Rad, was jetzt Krach macht.
6. Der Antriebsstrang wurde von 42/16 mit breiter Kette und HalfLink auf 39/15 mit Connex 9-fach und HalfLink geändert. Warum? Gewichtsreduktion, Optik und nicht zuletzt die Möglichkeit, ein 15er Boone Titanritzel einsetzen zu können, welches den FRM-Freilaufkörper schont.
7. Der Sattel wurde durch einen 135er SLR ersetzt. Bin momentan zu faul, dem Ding sein Leder abzuziehen - Winterarbeit.
8. Die Bremshebel von Rose sind ergonomisch, aber zu schwer. Record Carbon kommt da dran, vllt. das einzig Wahre bezüglich Optik, Haptik und Gewicht?
9. Die U.S.E.-Stütze ist klasse, kann im Winter sicherlich noch etwas gekürzt werden, die optimale Sitzposition steht schon lange fest.



Gewicht aktuell, so wie andere ihre Fahrräder im Katalog stehen haben (keine Flaschenhalter/Schrauben, keine Pedale, kein Tachozeugs, kein Ersatzreifen usw.) = 6,8 Kilo. Fahrbereit inkl. Ersatzreifen usw. um die 7,5 Kilo.





Dezember 2006



Stand der Dinge: Der Rahmen ist in 2006 zwischen Mai und Dezember etwa 4.000 km mit mir unterwegs gewesen. Keine Probleme. Bin damit durchweg Langstrecken gefahren (345 km, 320 km, 2x 300er, einige Male 200 km). Komfortabel und robust genug. Habe mir zwar angewöhnt, die Hinterradbremse aufzumachen, da ab so ungefähr 10% Steigung im Wiegetritt der Hinterbau ?etwas? flext, aber das ist nicht wirklich schlimm für mich.





Winterarbeiten



Alulenker in einigermassen leicht ist endlich da, Syntace mit 26er Klemmung und 42 cm Breite. Enden um 15 mm gekürzt, 230 Gramm lt. KERN-Waage.



Steuersatz mit 80 Gramm liegt auch hier, also kriege ich momentan etwa 200 Gramm abgespeckt.



Sattelstütze gekürzt (schräg abgesägt).



Die 7 Kilo sind unterschritten, momentan liegen schon wieder ein paar Ideen auf der Werkbank, mit denen es unter 6,7 Kilo gehen wird.



Version 03: 6.995 Gramm. (Kataloggewicht, also ohne Flaschenhalter und Pedale etwa 6,7 Kilo)



Um unter 7 Kilo zu kommen, war etwas Kreativität gefragt.



2x rechte Seite:











FRM Carbon, Sapin CX Ray, Ambrosio, Boone, conneX 1010 mit für 10-fach modifiziertem HalfLink, PVC-Rohr, Aldi-Innenfünfkant-Spanner (75 Gramm), Innenlager Ultegra, Kurbel DA-7700







Hier also der Witz der Angelegenheit. DA-Hebel, DA-Züge, DA-Bremsen, alles ca. 1985, Originalteile. Gewicht der Hebel: 175 Gramm, Reifen Tufo S3 Lite (215 Gramm/Stück)







Frontalansicht im Schneeregen. Vorbau Cinelli Grammo 135 mm, Lenkerband Rose, Steuersatz Stronglight A9, Gabel ALAN, Pedale XLC W-41 (255 Gramm), Stütze U.S.E. Alien (185 Gramm), Sattel SLR Standard







Lenker Syntace Ergoirgendwas 7075, um 15 mm gekürzt (230 Gramm)







Detail Hebel







Detail Bremskörper, Bremsschuhe BBB bzw. Shimano, Belag DA-7800







Griffposition 1







Griffposition 2







Griffposition 3







Blick aufs Cockpit. Der Lenker ist normalerweise schwarz. Der silberne Ton kommt von hauchdünner Folie. Abschlussband Elektrokram, Lenkerstopfen No-Name









Detailgefrickel mit den Bremsen



Das liegt auf der Werkbank:



Grundlage war/ist der 600er Aerohebel von Shimano. Laut Küchenwaage 125 Gramm das Stück, inkl. Schelle.



Ergebnis nach einiger Arbeit: 90 Gramm.



Modifiziert wurde:



- Rückholfeder entfernt (sowieso nutzlos, wenn der Zug flutscht und die Bremse vernünftige Federn hat)
- Alle Plastikteile entfernt
- Gummiüberzieher entfernt
- Am Höcker abgesägt
- Die Nase vorm Höcker abgesägt
- Die seitlichen Aussparungen für die Lenkerklemmung ausgerundet
- Den Höcker abgeschliffen (konkav und konvex
- Den Bremshebel oberhalb des Anlenkpunkts angefast
- Alle Flächen des Hebelkörpers beschliffen, alle Einprägungen etc. ausgeschliffen
- scharfkante Sachen geglättet
- Griffbandage durch Bandagen alter Weinmann-Bremsen ersetzt (bringt 20 Gramm!)
- der Hebel selbst ist bisher kaum bearbeitet










Version 3.1, möchte ich's mal nennen



6,940 Kilo inkl. Tacho und Flaschenhalter (ohne dieses Equipment wären es 165 Gramm weniger -> 6.775 Gramm), Kataloggewicht wäre 6.620 Gramm:








Optik relativ unverändert:













Die Gewichtsreduktion kommt von drei Stellen:



1. Innenlager. Statt 260 Gramm für das Ultegra (inkl. Kurbelschrauben) sind nun 210 Gramm Titan/Alu-Vierkant im Rahmen (auch mit Schrauben, wobei diese aus Stahl sind und da auch noch ein paar Gramm rausgeholt werden können). Verbesserungspotenzial auch noch beim Konterring, er ist mangels Auswahl im Kleinteilemagazin noch aus Stahl. Ein Alupendant wird nochmals -5 Gramm bringen.







2. Kurbel. Statt Dura-Ace mit 455 Gramm (ohne Blatt und Schrauben) nun Golden Arrow mit 475 Gramm (brutto). 10 Gramm davon konnten entfernt werden, indem die Aufnahmen für das innere Blatt abgesägt wurden sowie die Hülsenaufnahmen bearbeitet wurden. Das restliche Mehrgewicht von 10 Gramm konnte durch Verwendung von Alukettenblattschrauben und Hülsenmuttern ausgeglichen werden, vorher war teilweise Stahl verbaut. Gleichstand.







3. Bremsen. Hier spielte richtig die Musik. Die DA-Bremskörper wurden demontiert und nominell gleichschwere Körper der Golden Arrow Serie bearbeitet:















Ergebnis geht momentan ganz in Ordnung. Das gesante Set inkl. Stopper wiegt jetzt noch 255 Gramm, die Bearbeitung der Stopper führte zudem zu brachialer Bremsleistung. Original standen hier mal 325 Gramm in der Liste. Weitere Kleinoptimierung durch Aluhülsenmuttern möglich, blos irgendwie schwachsinnig teuer, das Zeug.



4. Die Schnellspanner wurden noch bearbeitet, -5 Gramm (Achse gekürzt, Aludrehteil gekürzt:










Was wird V4 bringen?



Die Bremshebel werden ersetzt durch gleichschwere Hebel, die allerdings eine Zugverlegung am Lenker erlauben, damit wird dann weniger Zughülle und Zug benötigt.



Zughüllen werden ersetzt werden.



Lenkerbandstopfen werden geändert.



Wenn bis dahin die Schlauchreifen fertig sein sollten -> leichtere Tufos



Ggf. wird der Grammo am Schaft gekürzt, entsprechend auch die Schraube.



Der Flaschenhalter inkl. Schrauben (jetzt in Summe 65 Gramm) wird wohl weichen müssen.



Der Sattelstützenklemmbolzen wird aus Alu sein.



Die vier Befestigungsschrauben der Stopper werden Alus werden.



Der Sattel wird vllt. doch noch seine Haut verlieren, wenn er nicht vorher kaputt geht (Geräusche zw. Rails und Plastik).



Die Kettenblattschrauben könnten noch gekürzt werden (eher optischer Effekt)



Der noch vorhandene Sockelrest für die Rahmenschalthebel kommt weg.



Die Kette wird durch eine leichtere 10-fach ersetzt.



Der Tachohalter wird Erleichterungsbohrungen erhalten, Der Sensor wird erleichtert werden (Gummipuffer zw. Sensor und Gabel kleiner gestalten usw.)



Ein anderer Speichenmagnet.



Was bleibt: Das Schaltauge... :D



Das sind geschätzt nochmal 80-100 Gramm.


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Montag, 28.08.2006

Spontanötzi


Freitag Vormittag, ein Bürotag


Die Gedanken schweifen auf dem Radweg zur Arbeit hin und her. Was machste am Wochenende? Ein wenig mit der Gurkentruppe rumrollen? Oder nochmal etwas gescheites als Vorbereitung auf die Schweiz? Rosti fährt den Ötzi. Der Säckl. Hat eine saubere Bergvorbereitung. Ich net so wirklich. Soll ich nochmal was spontan machen? Aber was? Ist ja noch Zeit, irgendwas fällt mir schon ein...


Freitag Vormittag, immer noch der gleiche Bürotag


Bingo, ich hab's! Ich fahre auch nach Sölden. Mir doch wurscht. Da kann ich versuchen, mein Negativerlebnis vom Forumsötzi (Juni 2006) zu übertünchen. Au ja! Und die Motivation war plötzlich da. Der berühmte Floh im Ohr hatte mir das eingeflüstert: Fahr doch nochmal mit, sagte er, der Floh. Ich: Ja und wie soll denn das gehen, lieber Floh? Ich habe keinen Startplatz. Der Floh: Macht doch nix.


Freitag Abend, Vorbereitung


Der Floh sagte dann zu mir: Packe ein, was du unterwegs zu trinken und essen brauchst und dann los. Ich: Hmmmmmmmmmmmm... Na gut, mal überlegen.


Freitag Abend wurde im Keller getüftelt, wie ich möglichst viel Krempel unterbringe und herausgekommen ist eine recht brauchbare Lösung, die mir gestattete, 2,5 Liter Flüssigkeit und jede Menge Gel und Riegel mitzuführen. Kleidung wie üblich für solche wackligen Wetterbedingungen. Das Systemgewicht müsste zwischen 95 und 97 Kilo betragen haben, nun ja...


Für das Vorhaben waren die F-Ötzi-Erfahrungen sehr wertvoll. Die Anreise, dann Sölden selbst wg. Parkmöglichkeit usw., es war schon vorteilhaft, zu wissen, was da los ist.


Apropos los


Bin am Samstag noch auf einer Geburtstagsfeier gewesen, dort gab es reichlich zu essen für mich. Zwischen 21 und 22 Uhr hatte ich eine Stunde geruht. Um kurz vor 23 Uhr dreht sich der Zündschlüssel rum und ab ging es auf die 465 km lange Reise. Exakt 4 h später stand ich in Sölden unterhalb der Kirche auf dem Parkplatz. Den Wecker auf 5 Uhr gestellt, in die Wolldecke eingemummelt und quer auf den drei Vordersitzen zusammengerollt. Schnarch....


Es ist Sonntag! Aufstehen, du Schlafmütze!


Schon vor 5 Uhr klappten die ersten Autotüren auf und zu, den Wecker hätte ich mir sparen können. Erstmal das mitgebrachte Material verfrühstücken, dann überlegen, was ich anziehe, Getränke herrichten, Fressalien überall am Körper verstauen und fertig die Laube. Um 6:10 Uhr stand ich irgendwo im wartenden Feld, etwa auf Höhe des Übergangs über die Hauptstrasse.

Es ist immer das Gleiche, ich drehe mich rum, schaue ein wenig und was ist? Neben mir unterfränkischer "Släng". Klar, Radler aus Bad Neustadt. Die sind aber auch überall auf dieser Welt unterwegs. Wir kennen uns vom sehen bzw. haben gemeinsame Bekannte. Die Welt ist ein Dorf. Ansonsten fällt mir niemand weiter auf.


Gentlemen, start your engines!



Um 6:30 Uhr dann der Startschuss, etwa um 6:40 Uhr rolle ich unter dem Startbogen durch. Tacho an und los!


Sölden - Ötz


Runter nach Ötz schön im Palaver mit einem Karlsruher Ex-Kurier (wir kannten uns schon von einem Rhönmarathon) und dann ein Forumstrikot, Stelvio ist es. Nach ein paar Worten bin ich weiter, wir hatten eher unterschiedliche Geschwindigkeitsvorstellungen.


Rätselhaft ist, warum es auf dem Streckenabschnitt schon Defekte (ein abgerissenes Schaltwerk, einen Kettenriss usw.) gibt, Platte Reifen auch schon reichlich und den einen oder anderen Sturz. Und wir waren noch nicht mal im Bereich der Kreisverkehre.


Zwischendurch esse ich ein Vollkornbrot mit Käse und Wurst und eine Banane.


OK, ich bin gut zurecht gekommen, kurz vor Ötz habe ich dann reichliche Minuten Zeit verloren, da ich nicht so recht wusste, wohin mit meiner Windjacke. Musste etwas umpacken, dann ging es gut. So waren es 48 Minuten bis zum Einstieg in die Kühtaiauffahrt.


Ötz - Kühtai - Kematen


Unten gleich rechts, kaum 10 Höhenmeter vorbei: wieder ein abgerissenes Schaltwerk am Strassenrand, ein Stück weiter ein ordentlicher Kettenklemmer, dreckige Hände, verzweifelte Gesichter, krachende Getriebe, fluchen und schimpfen. Verstehe ich ehrlich gesagt nicht, was da abgeht, blos weil es mal kurz bergauf geht...


Die Kühtaiauffahrt war ein Traum für mich. Meine Wohlfühltemperatur, die Feuchtigkeit in der Luft, die vielen Menschen aussenrum. Ich habe überholt, überholt, nur überholt. Völlig übermotiviert, aber es hat sooooooooooo Spaß gemacht. Irgendwo unterhalb der Kehrengruppe sehe ich dann Sky und bleibe ein paar hundert Meter bei ihr. Sie klingt ernüchtert, leicht frustriert. Sie glaubt, dass sie "nur" bis St. Leonhard fahren wird. Ich kann da nicht viel sagen und nehme wieder mein eigenes Tempo auf. Ich sehe erneut ein Forumstrikot, Domo ist es, ich dachte zunächst, es ist ginny. Entschuldigung für die Verwechslung!


Im Steilstück hat dann jemand ein technisches Problem, eine Schuhplatte hat irgendwas. Links steht ein Motorrad und der Servicewagen, also eine Engstelle. Es geht gerade so, dass es keinen echten Stau mit Stillstand gibt. Irgendjemand will einen Witz hören. OK, kein Problem. Ich erzähle einen Österreicherwitz. Kam net so gut an, glaube ich. Einfach zu viele Österreicher in der Gegend.


Die Zeit vergeht wie im Flug, meine Planung, mit 1:20 h hochzukommen geht evtl. genau auf, etwas blöd ist die Siffe in der Baustelle, dafür die Beschallung mit dem Diskjokey, der wahrscheinlich eine ausgelutschte 50 Watt Anlage rumstehen hatte, um so lustiger. Highway to Hell. Blos halt viel zu leise.


Knappe 2:15 h hatte ich oben an der Labe. Ich will da durch. Geht nicht, es ist alles verstopft. Irgendjemand reicht mir Suppe. OK, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul und ich nehme den Becher an.


Ein Stück weiter unten, schon in der Abfahrt noch ein Stop. Doch noch rein in die Jacke, die Neoprenhandschuhe an und ab geht es. Im ersten Tunnel dann eine Überraschung. Ein einigermassen wildes Pony. Die Kühe waren nicht sonderlich beeindruckt, aber das Pony, das war aufgeregt und zum Glück ist die Gruppe vor mir noch einigermassen rechtzeitig in ein moderates Tempo, kurz vorm Stillstand gekommen.


Bergab wieder etwas essen, ein Bissen vom nächsten vorbereiteten Silberling (Nutella und Schwarzbrot diesmal).


Im Steilstück der Abfahrt war nicht mehr als 75 oder 80 km/h drin, es gibt reichlich komische Abfahrer. Warum fahren die, die Angst haben, nicht einfach rechts?


Nach 3 h habe ich den Kreisverkehr mit Abzweig nach Kematen erreicht, es stehen viele Zuschauer und applaudieren. Prima!


Inntal - Innsbruck


Ich esse wieder was, trinken tue ich insgesamt etwas zu wenig, das ist den niedrigen Temperaturen zuzuschreiben.


Weit und breit keine Gruppe, ich hole einzelne Fahrer bzw. Zweier-, Dreierteams ein und so sammelt sich langsam hinter mir sowas wie eine Gruppe. Dummerweise bin ich der Depp, der arbeitet, keiner macht Anstalten, ein sauberes Tempo mitzufahren. In Innsbruck bin ich ungefähr bei 3:30 h und setze eine Tachomarkierung bei der Überfahrt über die Brücke.


Innsbruck - Brenner - Sterzing


Die erste Gruppe, die ich sehe, die hatte eine Reisegeschwindigeit von 18 km/h. Mal kurz reingesetzt, etwas orientiert und dann vorne raus. Die nächste hatte dann um die 22 km/h, immer noch nichts. Weiß nicht mehr, wieviel Gruppenhopping ich machen musste, aber erst im Breich von Matrei ging was zusammen, vorher habe ich Anton getroffen, er war nicht so zufrieden. Dachte, er läßt sich evtl. mitziehen, aber war leider nichts.


Esse zwischenrein wieder was von meinem Proviant und zwinge mich, ordentlich zu trinken.


Nach Matrei ging es (vielleicht auch dank der vielen Zuschauer?) ziemlich flott weiter und die Gruppe ging mit über 30 km/h. Das Steilstück war auch kein Problem, da habe ich jemanden getroffen, der den Kingtom kennt, Michael heißt er, noch so ein "Verrückter", will RAAM fahren und nächstes Jahr P-B-P.


Die Ankunft oben bei der Brennerzeitmessung ist nach 4:25 h. Unfreundlicher Regen, ich fahre in die Labe, um Jacke und Handschuhe anzuziehen, sehe ein Forumstrikot und einen blonden Zopf unterm Helm, könnte ThomasD gewesen sein. Mein Schnitt lag zu dieser Zeit bei ca. 29 km/h. Ich war bislang zufrieden. Hatte Spaß und die Beine waren schwer in Ordnung.


In der Abfahrt nach Sterzing kommt die Sonne raus, in Sterzing ist es trocken. Das Flachstück nehme ich gemächlich, um mich rum ist niemand und ich ziehe Jacke und Handschuhe während der Fahrt aus und schaffe es, die Sachen auch so zu verstauen, dass nichts verloren geht. Unglaublich, was alles auf der Strasse liegt. Ich habe Armlinge, Windwesten, jede Menge der Continental-Reifentäschchen, Handschuhe, Halstücher, Rennkäppis, Überschuhe, Luftpumpen usw. gesehen. Da könnte man sich locker neu ausstatten.


Jaufenpass - St. Leonhard


OK, Jaufenpass. Unten sagt die Uhr recht exakt 5:00 h, meine durchschnittliche Aufstiegsleistung lag zu dieser Zeit noch bei 850 hm/h, das Ding hat 1.125 hm oder so, stand auf einem Schild, also könnte ich in 1:15 bis 1:20 h hochkommen. Ich mag den Jaufen.


Es geht gleichmäßig und harmonisch, schaut man die Steigungswerte an, pendelt das immer um 7-8%, das ist genau meine Kragenweite für die nächste Zeit. Die Plauderei rundherum verstummt, die Stimmung wird ruhig, meditativ, jeder macht seine Arbeit.


Ich werde überholt, ich überhole, insgesamt verliere ich an der Auffahrt aber doch eher Positionen, der Puls hängt an der Schwelle und drüber will ich nicht, am Brenner war ich permanent im roten Bereich, ich muss versuchen, mich deutlich zu erholen, sonst gibt es später argen Stress.


Es macht kurz Pling! und aus einem dieser wundervollen Systemlaufräder von Mavic (Die Dinger, die immer so lustig Krach machen.) fällt einfach eine Speiche. Erheiternd... Der Betroffene nimmt es mit Humor und kann mit einem mäßigen Seitenschlag weiterfahren.


Eine Italienerin mit ihrem Partner zieht vorbei, sie wiegt vielleicht 40 Kilo. Kein Wunder, dass ich da eher nicht mithalten kann. An dieser Stelle: Warum wickeln sich italienische Radfahrer Frischhaltefolie um den Helm? Angst um die gegelte Frisur oder was?


Ich möchte bzw. sollte etwas essen, mein Magen knurrt etwas. Auf Brot hatte ich keinen Hunger, also vielleicht mal ein Gel? Ich ziehe eines von diesen Powerbar Koffein-Dingern aus der Tasche und muss sagen: Schmeckt zum Fürchten und läßt sich schlecht ausdrücken. Die Form von diesen "Fläschchen" ist etwas ungeschickt. Na ja, so verbringe ich meine Zeit damit, das Fläschchen möglichst ordentlich in kleinen Zügen zu leeren und zwischendurch zu trinken. Vielleicht ist das gar nicht so verkehrt gewesen.


Nach der Baumgrenze sehe ich einen Radler, der ziemlich dreckig war. Er wurde in der Kühtaibaustelle durch plötzliches Anhalten eines Vordermanns etwas unsanft in den Matsch abgeladen. Wir unterhalten uns über Schwarzwälder Radmarathons und gemeinsame Quälereien an div. Rampen dort. So vergehen die letzten Höhenmeter wie im Flug und tatsächlich, die Uhr zeigt mir ungefähr 6:20 h an.


Ich steige kurz ab und spüre ein bislang unbekanntes Problemchen im linken Fuß, ich kann kaum auftreten. Das fühlt sich an, als ob der Fussballen "brennt". Da ich bisher eh so gut wie alles sitzend gefahren bin, dürfte das hoffentlich am Timmelsjoch keine arge Einschränkung werden, denke ich. Das Wetter ist gut, Jacke und Handschuhe ziehe ich trotzdem wieder an. Was auch richtig war. Auf den ersten Höhenmetern bergab (etwa bis in den Wald hinein) da war es schon noch empfindlich frisch.


Die Abfahrt war ein Traum, ich versuchte, komplett ohne Hinterradbremse auszukommen und es gelang mir auch bis auf sehr wenige Ausnahmen (Nässe in Kurven). Bergab wurde ich kaum überholt, selber konnte ich diverse Kollegen einfangen. In St. Leonhard empfängt uns dann eine nette Frau am Strassenrand mit riesen Lärm. Sie drischt wie narrisch mit einem Kochlöffel auf eine Pfanne ein. Nett...


St. Leonhard - Moos


Unten am Kreisverkehr sagt die Uhr etwa 7:10 h, ich verlasse den Ort und halte rechts an. Erstmal die Trinkflasche in den Trinkrucksack umfüllen, etwas essen und die Jacke sowie die Handschuhe wegpacken. Neben mir sitzt auf der Mauer ein Häufchen Elend, zugedeckt mit seiner Regenjacke. Der Kollege hat Magenprobleme und wartet auf den Besenwagen.


Mir ist während der ganzen Runde aufgefallen, dass sehr viele Reifenpannen im Bereich einer Abfahrt bzw. am Ende einer Abfahrt geflickt wurden. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie das ist, wenn bei Tempo 70 keine Luft mehr im Vorderreifen ist. In den Auffahrten habe ich (bis auf Kühtai, da war viel los mit Defekten) kaum platte Reifen gesehen. Woher kommt das? Die Strassen waren sauber.


Auf geht?s, sage ich mir, ein Anstieg noch. Ist nicht mehr schlimm, nur noch etwa 60 km, mehr als die Hälfte davon bergab, der Rest geht auch irgendwie. Hopp, Hopp! Los, das packst du... Was für ein Unsinn.


Es war warm. Bis Moos standen laufend Radler am Rand und hatten ihre Kleidung weggepackt. Die Kilometer zwischen St. Leonhard und Moos sind mir enorm schwer gefallen. Mir war einfach zu warm. Gekurbelt hatte ich meistens 34/21, das hat recht gut zur noch vorhandenen Leistung gepasst. Überholt werden und selber überholen hielt sich so einigermassen die Waage.


Hoch zum Joch


Nach Moos, am Beginn der Kehrengruppe habe ich dann wieder etwas Spaß an der Sache gefunden, wurde jedoch ernüchtert, als das Schild "21,5 km bis Passhöhe" kam. Was, noch so viel?


Hatte dann die Distanz in Gedanken gedrittelt, um kleinere Häppchen zu verdauen. Obwohl ich schon über 15 Stunden mehr oder weniger wach war, hatte ich keine gesamtheitlich müden Phasen, müde wurden nur die Beine, aber kein Wunder, oft standen zweistellige Steigungswerte auf dem Display.


Dann kam der Brunnen mit frischem Quellwasser, ich füllte auf. Mir war bewußt, dass ich sicherlich zuviel Wasser mit mir rumfahre, aber ich wollte bei der Wärme nichts riskieren. Lieber zuviel Gewicht als "verdörren".


Irgendwann wurde es flacher und die Labe kam in Sicht. Auf dem Schild dort stand "noch 11,9 km bis zur Passhöhe". Immer noch so weit? Ich bin schon sicherlich eine Stunde unterwegs für 9 oder 10 km. So wird das nix mit meiner anvisierten Zielzeit von 10 Stunden. An dieser Stelle hatte ich das Ziel für mich abgehakt, nach der Labe kommt ein schönes Stück mit neuem Teer, leider voll im Wind bis die Kehre bei dem rostroten Brunnen kommt, ich nutzte die geringe Steigung für etwas Nahrungsaufnahme. Ein Gel war wieder dran, aber diesmal von einem anderen Hersteller. Das ließ sich auch besser ausdrücken.


Es fing an zu nieseln, es wurde kühler, die Armlinge ziehe ich hoch und freue mich dennoch über die frische Temperatur. Für mich ist das einfach besser. Einen Ötzi bei 30° C zu fahren kann ich mir gerade überhaupt nicht vorstellen. Vermutlich ist das unmenschlich? Der Blick fällt auf ein größeres Schneefeld in einem der Berge in meinem Sichtfeld.


Ich versuche, etwas von der Landschaft aufzunehmen und nicht zu sehr mit mir zu hadern, dass ich den Kampf um eine ordentlicher TJ-Zeit verloren habe. Von hinten kommen mittlerweile vereinzelt Autos, die Überholvorgänge verlaufen nicht immer harmonisch, Radelkollegen vor mir werden unsanft zur Seite gehupt. Selbst halte ich mich weitgehend rechts und fahre wie zu Hause im Strassenverkehr auch.


Es geht halt so dahin, ab und an mache ich ein paar Wiegetritte, das meiste fahre ich im sitzen, 34/24 ist mein Freund. Den Rettungsring hatte ich bis dahin nicht gebraucht. Es gibt noch eine Getränkelabe, dort werden noch ca. 7 km bis Ende TJ signalisiert. Zwei Drittel der Auffahrt sind vorbei. Eine zähe Sache. Ich bekomme eine Cola gereicht, ich nehme sie gerne an. Am Strassenrand geht ein Radler zu Fuß, ich versuchte ihn zu motivieren, nochmal aufzusteigen. Nachdem er sagt, dass er derbe Magenprobleme hat und schon eine Weile marschiert, da lasse ich meine Worte lieber stecken und mache mich nach einem Gruß an ihn wieder auf die Socken.


Auf den letzten Kilometern versuche ich mal auf ein paar Meter, ob mir 34/28 mit höherer Trittfrequenz irgendwas nützt, aber eher das Gegenteil ist der Fall, ich brauche den Gegendruck vom nächstdickeren Gang. Der Puls geistert um 150 Herzschläge. Provozieren lassen sich kurzfristig auch 155, bringt nur nichts.


Der Blick auf die letzten 2 km vor dem Tunnel wird frei, einmal links hoch, Kehre, rechts hoch, Kehre, links hoch und dann die letzte Kehre und die Anfahrt zum Tunnel. Genial. Die Sau ist besiegt. Vorm Tunnel stehen ein paar Mädels und feuern uns an, im Tunnel ist Höllenlärm wg. der Aggregate, der Lärm steht dennoch nicht in einem ordentlichen Verhältnis zu dem bisschen Licht, das angeboten wird.


Nach dem Tunnel ziehe ich die Klamotten wieder an, ich stehe direkt bei den Moppedfahrern, die Wasser und Red Bull austeilen, OK, ich nehme einmal aufgelöste Gummibärchen. Bäääääääääääääh...


Der nächste, kurze Abschnitt bis zum Grenzübergang ist ekelhaft. Gegenwind und feines Mistwetter, es beginnt zu regnen. Sogar in dem elend windigen Bereich stehen noch eine Handvoll anfeuernde Mädels. Respekt.


Runter und fertig


Dann geht's bergab. Leider nicht so flott, wie ich das gerne hätte. Der Gegenwind ist brachial, trotz Mittretens schaffe ich nur mühsam die 60 km/h zu knacken, erst in der Geraden, die direkt auf den Gegenanstieg zuführt, erreiche ich mit heftig flatternder Windjacke und Regentropfen wie Nadelstiche im Gesicht etwas über 70 km/h.


Der Gegenanstieg kommt und geht, das Ding ist mir völlig wurscht und ich drücke einen dicken Gang drüber. Am Mauthaus ist die Strasse komplett naß, es regnet richtig unangenehm und das Wasser steht in den Schuhen und Socken. Ich friere mich runter.


Der weitere Verlauf im Ötztal ist trostlos und langweilig, ein paar Radler sammle ich ein, die wenigen Kehren vor Sölden machen wieder Spaß und schon bin ich drin, in Sölden. Aus die Maus, rum ist es. Geschafft.


Und?


Im Zielbereich schaue ich mich um, hätte vielleicht gar nicht reinfahren sollen, denke ich mir, lieber gleich zum Parkplatz, so naß wie ich bin. Es hat sich jedoch gelohnt, ich sehe Rosti und wir begrüßen uns. Er war leicht erstaunt, dass ich mich inkognito hier rumgetrieben habe.


Schnell zum Auto, Katzenwäsche aus dem Kanister, ein Schwätzchen mit einem Italiener und dann ging es mir wieder prima in den kuschlig warmen Trainingsklamotten. Danach bin ich zurück in den Zielbereich.


Susi kam dann tatsächlich, so wie Rosti vermutet hatte, im Bereich von 12 h an und Abends sind wir zu dritt noch Essen gewesen.


Der harte Teil der Aktion stand noch bevor, die Heimreise. Hatte mich um 21 Uhr verabschiedet und auf ging es Richtung Fernpass. Bis auf die A7 hatte ich durchgehalten, es hatte teilweise extrem stark geregnet, war sehr anstrengend und so steuerte ich nach 2 h Autofahrt einen Parkplatz an, um eine Schlafpause einzulegen. Danach ging es mir deutlich besser und die verbleibenden gut 300 km vergingen einigermassen, abgesehen von diversen Platzregen, die nur geringe Geschwindigkeiten zuließen.


Genau um 3 Uhr heute Morgen bin ich vor die Garage gerollt und war sofort im Bett. Um 8 Uhr hat mich der Wecker freundlich eingeladen, auf die Arbeit zu gehen. Fühlt sich toll an, so ein 28-Stunden-Ötztal-Hauruckaktionsdings... Irgendwann werde ich da vielleicht auch mal ruhiger werden und eine komfortable Pensionsübernachtung den wenigen Stunden Schlaf in einem Auto vorziehen.


Alles in Allem hat der Aufwand und der Zeitstress sich gelohnt, mir hat es Spaß gemacht, mit vielen anderen Gleichgesinnten unterwegs zu sein und zu erleben, was das Besondere am Ötztaler Radmarathon ist.


Die Beine waren gut genug, die Belastungen während der Vorwoche (17-18 h, 450 km mit 5.000 hm) waren optimal, nur habe ich gemerkt, dass es halt nützlich wäre, ein paar mal im Jahr richtige Berge zu fahren, um diesem Viech Timmelsjoch mindestens 30 bis 45 weitere Minuten abzuknöpfen.


Taktisch falsch war ganz klar meine Fahrerei im Inntal und am Brenner. Da habe ich sinnlos Kraft verschleudert. Aber es war halt schön und wenn ich dran denke, wie ich beim Forumsötzi kaum mal über 30 km/h kam und selbst hinten in der Gruppe ab Matrei schwer zu leiden hatte. Da war das gestern schon geil. Über lange Abschnitte deutlich über 35, oft eine 4 vorne dran. Das war einfach gigantisch. Da habe ich halt vergessen (wollen?), wie weh das später noch tun wird.


Insgesamt muss ich auch sagen, dass ich mich am TJ irgendwie psychisch selber limitiert habe. Das Orientieren an den Radfahrern aussenrum bringt auch nicht immer was. In manchen Passagen dachte ich mir, OK, die fahren auch nicht schneller, warum soll ich Gas geben? Es wäre oft noch was gegangen, aber ich hatte dann Angst vor mir selbst, glaube ich.


Daten (für das nächste Mal...)

Die Fahrzeit brutto war ziemlich genau 10:30 h


Reine Fahrzeit hatte ich 9:55 h, d.h. wenn ich nirgendwo hätte anhalten müssen bzw. Laben zum Wassertanken anfahren hätte können, dann wäre das mit < 10 h brutto gar nicht so unrealistisch gewesen. Was habe ich in der Zeit getrieben?


Sicherlich 5 Minuten gehen auf die Umpackgeschichte vor Ötz, inklusive Laternenpfahl nass machen. Ich bekam am Kühtai Suppe, die hat eine Weile gebraucht, bis sie vertilgt war (3 Minuten). Ein paar hundert Meter weiter, da bin ich zum Jackeanziehen doch noch stehengeblieben - wollte erst darauf verzichten und dann aus Angst, das in der Abfahrt zu tun, halt noch ein weiterer Stop. In dem Zusammenhang nochmal wertvolle Minuten, da ich die Jacke zweimal anziehen musste wg. Verhedderung mit den Handschuhen (3 Minuten).


Am Brenner habe ich den Labebereich besucht wg. Klamottenwechsel und Umpacken von Esswaren (4 Minuten).


Und dann war da noch der Jaufen, wo ich das kleinere Übel mit dem Fussballen hatte, mal pinkeln musste und im Stand gegessen hatte, da ich mir das für die Abfahrt nicht zutrauen würde (5 Minuten).


Dann habe ich gleich nach St. Leonhard nochmal 5 Minuten verloren (sogar im Tacho dokumentiert) wg. Getränkeumfüllerei, Umziehen und Essen im Stand (unnötig, hätte gut im Fahren erledigt werden können). An der Quelle vor der Labe dann noch ein Flaschenfüllstop, den ich gemütlich angehen lassen musste (warten, bis ich dran war; Wasser kam nur spärlich aus dem Hahn; 5 Minuten).


Oben nach dem Tunnel, da habe ich ein Schwätzchen mit den Moppedfahrern gehalten und eine Dose Red Bull im Stand getrunken und meine Klamotten angezogen (5 Minuten).

 
Zeiten in den Abschnitten (alles netto):

1. Sölden - Ötz: 0h 48'

2. Ötz - Kühtai: 1h 26'

3.1 Kühtai - unterer Kreisverkehr im Inntal: 0h 32'

3.2 Kühtai - Messstreifen Innsbruck (Brenner): 0h 53'

4. Messstreifen Innsbruck - Messstreifen Brenner: 1h 19'

5. Brenner - Messstreifen Jaufen unten: 0h 33'

6. Messstreifen Jaufen unten - Messstreifen Jaufen oben: 1h 25'

7. Messstreifen Jaufen oben - Ortsende St. Leonhard: 0h 37'

8.1 Ortsende St. Leonhard - Moos: 0h 34'

8.2 Ortsende St. Leonhard - Messstreifen Timmelsjoch: 2h 18'

9. Messstreifen Timmelsjoch: 0h 38'


Summe aller Auffahrten: 6h 28' (netto)
Summe aller Abfahrten: 3h 29' (netto)


Summe der Pausen/Stops in den Auffahrten: 0h 32' (Details siehe oben)
Summe der Pausen/Stops in den Abfahrten: 0h 3' (Kühtai, gleich zu Beginn der Abfahrt)


Leistungsrechnerei:


Die Wattleistungen sind auf Basis 95 Kilo Systemgewicht (eher konservativ abgeschätzt) gerechnet. Verwendet habe ich ein Tool von


1. Kühtai: ca. 250 Watt Leistung, davon Steigungsleistung ca. 220 Watt

2. Brenner: ca. 290 Watt Leistung, davon Steigungsleistung ca. 145 Watt

3. Jaufen: ca. 220 Watt Leistung, davon Steigungsleistung ca. 200 Watt

4. Timmelsjoch: ca. 185 Watt Leistung, davon Steigungsleistung ca. 165 Watt

www.radpanther.de. Kreuzotter täte das vermutlich genauso ausspucken.


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Mittwoch, 23.08.2006

Rennsteigcross


Einleitung

Die Idee für das Durcheinander stammt von papajoe aus dem "Rosa Forum", sein Projekt heißt "R1x - der lange Kanten". Die Befahrung des Rennsteigwanderwegs mit Eingang-MTB von Blankenstein nach Hörschel. Am Stück. Selber wollte ich an diesem Termin auch eine lange Tour fahren, bei der Aktion mitzumachen hat sich also angeboten.


Blankenstein, wie komme ich zu dir?

Nach Hörschel kommt man von überall hin. Nach Blankenstein auch. Der kleine Unterschied ist nur die Reisedauer. Herr Mehdorn verspricht mir Reisezeiten von fünf bis sieben Stunden. Und zwar so elegant in der Nacht plaziert, dass es dümmer nicht mehr geht. Das eigene Auto fällt auch aus, der Rennsteig ist keine Rundtour. Wie weit komme ich in sieben Stunden mit dem Fahrrad? Habe kurz im Vatertagsbericht 2005 (auch hier im Blogg) gekramt und festgestellt, dass ich mit einem 22er Schnitt kalkulieren sollte. Und das passt dann auch, die KFZ-Routenplanung ergibt etwa 130 km kürzesten Weg, ich schlage 10% auf und müsste dann mit etwa 6,5-7 Stunden rechnen.

So wollte ich fahren: Gochsheim - Weyer - Mainbrücke - B303 bis Abzweig Hafenpreppach (48 km) - Unterelldorf - Rothenberg - Seßlach - Watzendorf - Ziegelsdorf - Scherneck - Untersiemau - Niederfüllbach b. Coburg (75 km) - Grub a. Forst - Friesendorf - Großgarnstadt - Bieberbach - Zedersdorf - Weickenbach - Wörlsdorf - Schwärzdorf - Neundorf - Bächlein (96 km) - Haig - Gundelsdorf - Friesen - Roßlach - Zeyern (113) - B173 bis Abzweig Schnappenhammer/Wolfersgrün - Geroldsgrün - Bad Steben - Lichtenberg - Blankenstein (145 km)

Die Strecke war gedanklich zweigeteilt, bis Coburg kannte ich mich leidlich aus, ab Coburg dann komplett unbekanntes Terrain für mich. Die Summe der Höhenmeter hatte ich mit etwa 1.500 bis 2.000 abgeschätzt.

Weiter war unbekannt, was Nachts auf einer Bundesstrasse los ist. Für die ersten 50 km auf der B303 hatte ich schon ein mulmiges Gefühl bei der Entscheidung, so vorzugehen. Der Chance, schnell Raum zu gewinnen und sanfte, lange Steigungen gegen die üblichen ruppigen Dinger einzutauschen habe ich dann doch nachgegeben. Was mich auf der B173 erwartet, das wusste ich eh nicht, aber die Distanz dort war mit 10 km übersichtlich und es müsste dann auch schon hell genug sein, um ggf. einen parallel verlaufenden Radweg nutzen zu können, falls zu starker Verkehr wäre.

Wetter...

Üblicherweise wäre die Tour klassisch ein Fall für die Regenausrüstung, ich kenne mein Wetterglück. Da ich die Tour nicht "erfunden" hatte und mein Herz nicht schon seit Tagen am Gelingen hing und Alternativen vorhanden waren, kam es matürlich viel besser als erwartet. Die Vorhersage war freundlich, die Temperaturen der Nacht von Donnerstag auf Freitag mild und für Samstag Nacht war sternenklarer Himmel vorhergesagt. Samstag selbst sollte es bis 25° C haben, prima!

Fahrzeug

Die lila Gurke bekam Schwalbe Sport CX Pro verpasst (sowas wie Crossreifen für 26"), Licht vorne und hinten und Reflektorstäbchen in die Speichen. Luftdruck 6,5 Bar. Mehr vertragen die Reifen angeblich nicht. Ach ja, ein zweiter Flaschenhalter kam noch dran, eine kurze Rahmenluftpumpe und ein Tachometer. Neben diesen Kleinigkeiten natürlich noch die Umrüstung von reinrassig 42/15 auf Zweigang! Hinten fix das alte Dura-Ace Schaltwerk anstelle des Einfachkettenspanners, eine längere Kette und am Spider innen ein altes 32er Blatt zusätzlich zum 42er Stronglight. Bis Blankenstein soll 42/15 laufen, danach dann bis Oberhof weiter mit 32/15. Dann wieder die dicke Übersetzung. Gewicht ca. 11 Kilo.

Ausrüstung

Kurz/kurz mit Knielingen, Armlingen, Sommersocken und Handschuhen war beschlossene Sache. Weste noch dazu. MTB-Schuhe, Helm, Brille. In den Rucksack kam das Kartenmaterial (Shell Regionalkarten 1:150.000 Blätter 11 und 12), ein zweites Roadbook, Geld, Werkzeug, Ersatzschläuche, eine Jacke. Der restliche Platz wurde mit Brot, Obst, Wasser und Riegeln/Gel aufgefüllt. Systemgewicht komplett etwa 100 Kilo.

Abschnitt 1: bis Niederfüllbach b. Coburg (Teilstück: 75 km, 850 hm - Summe: 75 km, 850 hm  / alles Strasse / 0:00 bis 3:30 Uhr)

Wie geplant bin ich um Mitternacht daheim fort gekommen, nicht so wie 2005, als ich eine Stunde unnötig verloren hatte. Ich habe das noch gut in Erinnerung, was ich damals für Stress hatte. Nach nicht einmal einer halben Stunde war das Maintal erreicht und die Brücke überquert. Die B303 befand sich unter den schmalen Stollenreifen. Die ersten Autos kamen entgegen und überholt wurde ich auch gleich. Etwa 40 km Strecke auf der Bundesstrasse lagen vor mir, der Mond ging auf und die schmale Sichel war gut zu sehen, eine prima Orientierungshilfe sollte mir la Luna die nächsten Stunden geben. Leider war der Verkehr dicht, viel zu dicht. Im Gegenverkehr kamen sicherlich mehr als hundert Fahrzeuge, in meiner Richtung waren es ein paar Handvoll, die zum Glück mit viel Sicherheitsabstand überholten. Nach anfänglicher Skepsis, ob Radfahren auf einer Bundesstrasse sinnvoll ist, muss ich sagen, es hat sich gelohnt gehabt, wertvolle Zeit habe ich auf dem Abschnitt dadurch gutgemacht.

Nach gut zwei Stunden musste ich die B303 verlassen und mich Richtung Seßlach orientieren. Das Städchen war unproblematisch zu finden, dafür war das Finden der richtigen Durchfahrt etwas heikel, aber Nachts um halb zwei Uhr kam ein mäßig Besoffener um die Ecke (auf einem unbeleuchteten Baumarktfahrrad) und hat mir den Weg erklärt. Nett, der Kerle, aber seltsamer Dialekt. Weiter ging es Richtung Untersiemau und eine Baustelle mit Umleitung zwang mich zu einer intuitiven Richtungsänderung, ich hatte Glück und die Route wurde dadurch sogar etwas kürzer. Ich war ein paar km vor meiner Planung. Sehr gut.

Ein Hanuta verschwand im Bauch und getrunken habe ich nur wenig, es war frisch, etwa 8-10° C, je nach Topografie. Da kam kaum Verlangen nach Wasser bzw. Tee bei mir auf.

In Untersiemau war der Breitengrad von Coburg erreicht, nun musste ich irgendwie nach Niederfüllbach kommen, das liegt wieder an der B303 und von dort aus musste ich mich immer brav nördlich dieser Höhe halten. So der Plan. Leider habe ich nicht gleich die richtige Abzweigung erwischt und musste einen Boxenstop zum Kartenstudium einlegen. Dabei kam dann ein gröberes Grumeln aus der Magengegend, ich hatte nicht nur zu wenig getrunken sondern auch recht wenig gegessen. Zwei halbe Brote später und mit der passenden Richtung im Kopf ging es als korrekt nach Niederfüllbach.


Abschnitt 2: bis Blankenstein (Teilstück: 70 km, 1.300 hm - Summe: 145 km, 2.150 hm / alles Strasse / 3:30 bis 7:00 Uhr)

Grub am Forst war ausgeschildert, zwei Kilometer auf der B303 und ich war weg vom Strassenverhau rund um Coburg. Die nun gelisteten Ortschaften waren ohne Schwierigkeiten zu finden, es ging über Landstrassen und schmale Ortsverbindungsstrassen immer weiter nach Osten, dem Mond entgegen. Schade, dass ich mich mit Sternbildern nicht auskenne, so viele Sterne! Und ein paar Sternschnuppen konnte ich auch erhaschen. Da soll man sich dann was wünschen, klar, ich habe mir einen schönen Tag gewünscht. Was sonst.

Die Route war sehr direkt geplant und deshalb auch ziemlich hügelig, es ging dauernd hoch und gleich wieder runter. Mancher Anstieg war schön zu fahren, mancher aber auch ruppig und ich war froh, dass die Dunkelheit keinen weiten Blick voraus erlaubt hat. So war das viel besser für meine gute Moral. Die Gegend ist waldreich, die Strassen waren einsam, teilweise sehr schlecht. Objektiv wurde es kalt, nur noch 7° C stehen auf dem Tachodisplay. Subjektiv sah es anders aus. Normalerweise hätte ich bei diesen Temperaturen eiskalte Füsse. Erstaunlich, die Sommersocken in den MTB-Schuhen waren ausreichend. Ich habe nicht gefroren und sonst war auch alles im grünen Bereich. Im Winter bei der Temperatur fährt jeder mit Winterhose und dicken Schuhen rum, sozusagen alles relativ.

Nach 4 Stunden hatte ich etwa 90 km zurückgelegt, ich war noch im Plan, was Zeit und Strecke anging. Klar war mir aber schon auch, dass die Strecke immer schwerer wird und ich hatte daher recht bald angefangen, rumzurechnen, ob ich zeitig genug in Blankenstein ankommen würde. Eine Panne oder ein gröberer Verfahrer war auf jeden Fall nicht drin, den 22er Schnitt durfte ich nicht unwesentlich sausen lassen.

Dann wurde es wieder flacher, ich kam in die Gegend rund um Mitwitz und in einer Ortschaft überraschte mich ein gröberes Navigationsproblem, so dass ich zweimal halten und die Karte rausziehen musste. OK, ich war nicht müde, aber trotzdem irgendwie in einer Art Trance, die nicht gut für die Richtungsfindung war. Während der Kurzstops musste ich noch was essen und meine Trikottaschen mit weiteren Brothälften betanken, damit ich unter der Fahrt nachladen konnte. Die 5 Minuten haben ausgereicht, ich habe angefangen zu frieren, es war zwischen 3:40 und 4 Uhr morgens, vielleicht die kälteste Zeit. Die Senke, in der ich mich befand, war voller Nebel und ich war ziemlich durchfeuchtet.

Um weitere Rucksackaufundkarterausübungen zu vermeiden habe ich die Karte vorne unter die Weste gesteckt, nach unten konnte sie wegem dem Bauchgurt des Rucksacks nicht herausfallen. Das war wirklich praktisch im weiteren Verlauf.

Nach wenigen Kilometern dann ein Abzweig, ein gelisteter Ortsname. Ja, es passt, alles so, wie im Roadbook beschrieben. Erleichtert gebe ich Gas. Die Beine sind gut, die lila Gurke fährt mittlerweilen so, wie ich das will. Anfänglich hatte ich ein kleineres Umstellungsproblemchen, die Stollenreifen rollen halt doch nicht so prächtig und das wg. dem zweiten Kettenblatt montierte Schaltwerk (Der Einfachkettenspanner, der normalerweise montiert ist, der hätte den leichten Kettenschräglauf nicht verkraftet) bot auch mehr Widerstand wie die sonst bekannte Konfiguration. Die Sitzposition dazu noch etwas tiefer wie beim Renner, die Schenkel brannten während der ersten Stunden schon ein wenig, aber ich gewöhne mich da an allerlei, auf jeden Fall, die Maschine und ich, wir verstanden uns und die Zosse nahm Fahrt auf. Für einen Kilometer.

Wieder ein gottverlassenes Nest mitten in einer Ebene. Rein und gleich wieder raus. Auf dem Ortsschild steht, wo es als nächstes hingeht. Nein, da will ich garantiert nicht hin. Wo ist der Fehler? Karte raus, aha, irgendwo im Ort gibt es eine abknickende Vorfahrt. So ein Abzweig ist im Dunkeln halt alles Mögliche. Könnte auch eine Hofeinfahrt sein. Gut, wieder zurück und jawoll, es passt. Die nächsten Ortschaften liegen wieder in den Wellen und es geht mitten durch stockdunklen Wald, links und rechts die ersten Geräusche durch Tiere, ein bisschen unheimlich wirkt es auf mich.

Und plötzlich stoße ich auf eine übergeordnete Strasse, meine Richtung ist ausgeschildert, ich kann wieder Gas geben. Ein, zwei Kehren bergauf, fast eine alpine Anmutung macht sich breit und dann kommt eine schnelle Abfahrt. Ich kann jetzt schon ahnen, dass der Tag beginnt, die Konturen des Thüringer Schiefergebirges und des Frankenwaldes zeichnen sich gegen den Himmel ab.

Die nächste Ortschaft ist richtig hell erleuchtet, ich kann plötzlich ein Radwegschild mit Hinweis auf den direkten Weg zum eigentlich für mich übernächsten Ort sehen. Das würde mir etwa 5 km Weg ersparen. Riskieren? Ja. Das Experiment wurde belohnt, es war eine schmale Ortsverbindungsstrasse und kein gefährlicher Schotterweg oder sowas.

Dafür hatte ich keine Ahnung, wie ich aus dem Nest korrekt Richtung Friesen weiterkomme. Es war kurz nach 4:30 Uhr und es war wieder so weit. Anhalten, Karte raus, nachschauen. Plötzlich hält mehr oder weniger direkt neben mir am Gartenzaun ein kleines Auto. Prima, da kann ich fragen. Die Türe geht nicht auf, nichts tut sich. Komisch. Dann schnackelts bei mir. Ich würde auch nicht aussteigen wollen, wenn neben meinem Auto einer steht, der aussieht wie E.T. auf Suche nach dem Heimatplaneten. OK, ich habe die Arme ausgebreitet, so dass klar war, dass ich nichts böses im Schilde führe, laut und deutlich gesagt, dass ich eine Frage hätte. Und dann ging das Fenster ein Stückchen auf.

Drinnen eine Blonde und eine Schwarzhaarige. Diskoschnecken kurz vorm Wachkoma. Der Dialekt war eine Erlebnis, aber ich habe verstanden, mich höflich bedankt und siehe da, Friesen war ausgeschildert. Es war schon wieder ein kleines bisschen heller und nicht mehr die Lampe am Lenker zeigte mir den Asphalt, meine Augen konnten mit dem Tageslicht schon richtig etwas anfangen. In Friesen dann wieder ein Zwangsstop wegen der Navigation. Es waren einige Autos unterwegs, nur niemand wollte mir helfen. Schade.

Irgendwie bin ich dann doch in das richtige Tal rausgefahren und die grobe Richtung stimmte, der Mond war meine Absicherung. Es kam der Talschluss und es ging die östliche Flanke rauf, in Richtung Zeyern. Klasse, dieser Ort liegt direkt an der B173 und ich hatte ein gutes Gefühl.

So, da steht ein Schild mit 12%, kann nicht sein, das war so steil, das waren vermutlich 21%. Zumindest hat sich das so angefühlt. OK, Kraft sparen, runter vom Rad und ich bin lieber 5 Minuten bergauf gelaufen. Ist ja keine Schande.

Bergab war es ungefähr genauso steil, die Gabel der lila Gurke machte wilde Bocksprünge, das beliebte Gabelvibirieren beim Betätigen der Crossbremse in Verbindung mit Feuchtigkeit auf dem Bremsbelag machte sich übel bemerkbar. Hoffentlich bricht mir das Ding im Laufe des Tages nicht ab, dachte ich.

Unten angekommen dann die Bundesstrasse, sogar mit begleitendem Radweg. Den ließ ich ausser Acht, lieber schneller vorankommen und nicht irgendwelche Haken durch das Rodachtal schlagen, blos weil es hübsch aussieht. Meine Kopfrechnerei sagte mir, dass ich Gas geben müsste, es deutete sich eine leichte Stresssituation wegen der Zeit an, die mir noch bleibt. Nach einigen Kilometern sehe ich ein Schild. Steinwiese steht da drauf ausgeschildert. Habe ich schon mal irgendwo gelesen, davon, dachte ich. Und bin weiter vorwärts. Dumm gelaufen, an der Stelle hätte ich nämlich die B173 nach Norden verlassen müssen. Das habe ich mehr als 5 km später bemerkt, als mein Roadbook nicht mehr gepasst hat. Vorher bin ich aber geschickterweise nochmal rechts ran, essen und Wasser auffüllen. Hätte ich da in die Karte geschaut, dann hätte ich sinnvoll noch wenden können. OK, leichte Panik macht sich breit. Kartenstudium, wie komme ich jetzt nach Norden, ich muss Geroldsgrün anpeilen.

Es stellte sich dann als halb so wild raus, effektiv war der Verfahrer kein wirklicher Fehler, denn die Etappe bis Blankenstein war genauso lang wie vorhergeplant.

Ob die andere Version kraftsparender war, dass weiß ich nicht, aber es kann schon gut sein. Denn ich habe bis nach Geroldsgrün derb viele Höhenmeter vor mir gehabt. Es ging also weg von der Bundesstrasse, ein superschönes, enges Tal. Zur Feier der Problemlösung habe ich einen Schokoriegel verputzt. Kann man eh nur essen, solange es kalt ist. Herrlich, wie die kleine Strasse in das Tal hineinführt. Jahahaaaaa... Boing. Aus die Maus mit herrlich. Es kommt eine Kehre. Ja wo kommt die denn plötzlich her? Talschluss, na ja, wird halt ein wenig den Buckel raufgehen wie den ganzen Morgen schon. Nicht weiter schlimm, war meine Meinung.

Nach zwei oder drei Kehren habe ich mit der Strassenübersetzung einfach die Kurbel nicht mehr rumbekommen. Na ja, ich kann ja "schalten", also runter vom Rad und die Kette auf das kleine Blatt aufgelegt. Eine Wohltat. Nur, nach zwei weiteren Kehren war ich halt schon wieder im Wiegetritt und dann kam Wolfsgrün. Ich habe keinen Schimmer, wie steil das war, aber es hat mir gereicht. Rechts, mitten im Ort, ein Bushäuschen. Da stehen ein paar Bauern und warten drauf, dass der Milchlaster kommt. Gut, keine Blöße geben, freundlich "Guten Morgen!" rausgequetscht und die Kurbel vorne locker runterfallen lassen. Von hinten kam sie ja eh quasi von alleine. Uiuiui. Das war nicht von schlechten Eltern. Diese Auffahrt hat sich angefühlt wie das letzte Stück vom Nufenen.

Oben angekommen war dann Geroldsgrün ausgeschildert und es ging wellig auf der Höhenlage dahin. Das 32er Blatt habe ich weiter gekurbelt, ich wollte die Beine damit wieder locker fahren. War schlau, denn die Wellen waren teilweise zäh und es war schon angenehm, hochfrequent fahren zu können.

Die Sonne kommt mir entgegen!





Geroldsgrün kam und dann aber hastig in die Eisen. Es geht nach links eben weiter und nach rechts steil bergab rein in den Ort. Lieber einen Blick in die Karten machen, ein unnötiger Höhenverlust wäre ungünstig. OK, es geht sicher runter in den Ort. natürlich drüben wieder rauf. Aber das ist egal. Im Übrigen geht gerade die Sonne so richtig herrlich in voller Pracht auf, ich fühle mich gigantisch. Ist das ein toller Tagesanbruch! Ein Heißluftballon schwebt über den Hügeln, kommt nicht voran, es geht kein Wind.

Nun kommt eine flotte Abfahrt nach Bad Steben,der Bäcker hat offen, ich könnte noch schnell was einkaufen, die Zeit müsste noch reichen. Leider habe ich das nicht gemacht, wäre rückblickend besser gewesen. Dann geht es mit 9% weiter bergab, die Strecke kenne ich plötzlich! Richtig, hier war ich 2003 oder 2004 schon mal, beim letzten Frankenhammer (Start ab Kronach) und unten im Tal, da war die Verpflegung. Damals wusste ich noch nicht, dass ich unweit des südöstlichen Rennsteigendes unterwegs war.

Es kommt der 160 m hohe Abluftkamin der Fabrik in Lichtenberg.



Dann noch ein kurzes Stück, ich bin in Blankenstein, es ist wenige Minuten vor 7 Uhr. Pinguin hat sich just in time selbst abgeliefert. Puuuuuh... Nur ist leider kein Bäcker oder ähnliches in meiner Nähe, weiter im Ort rumsuchen möchte ich jetzt nicht. Gut, dann gibt es eine Banane und Brote zum Frühstück, Wasser dazu. Zugegeben, eine arge Notlösung, ein Kaffee wäre schon fein jetzt.

Ich mache Bilder und baue mein Fahrrad um, die Beleuchtung usw. kann im Rucksack verschwinden. Es ist immer noch empfindlich kalt, ich gehe durch das kleine Bahnhofsgebäude durch und setze mich auf eine sonnige Bank.













Die nahegelegene Schranke macht zu, es bimmelt, der Zug mit meinen Mitstreitern für den nächsten Abschnitt fährt pünktlich ein. Der Zeitstress ist von mir abgefallen und ich überlege nun noch kurz, wie das Verhältnis der Leistungen zueinander sein wird, wie verkrafte ich die Vorbelastung und wie komme ich mit dem anderen Untergrund zurecht?

Egal, aus dem Zug steigt ein langes Elend mit einem zu kalt gewaschenen Fahrrad und halt dann noch ein Durchschnittsmensch mit Standardhardware unterm Arm. Micha (fast dreissig Meter lang) und Martin. Angenehm! Schade, dass Felix nicht mit dabei war, ich hätte mich gerne mit ihm über den Leichtbauwahn unterhalten.



Abschnitt 3: ab Blankenstein bis Bhf Suhl bzw. Bhf Schweinfurt (Teilstück: 113 km [davon 55 km off-road], 1.800 hm - Summe: 258 km, 3.950 hm / 7:30 bis 16:00 Uhr)

Wir sind runter an die Selbitz, haben Steinchen rausgefischt, ein Foto von uns gemacht, wobei das gut und gerne das letzte Foto der Digicam hätte sein können (VW-Bus knapp dran vorbei) und dann ging es um etwa 7:30 Uhr mehr oder offiziell los auf die Rennsteigwanderwegbefahrung mit eingängigen Fahrrädern. Von vorneherein habe ich mich intensiv mit der Anreise nach Blankenstein beschäftigt. Die Vorbereitung auf den Abschnitt danach bis Oberhof, die wollte ich während der Nacht so als Beschäftigungstherapie machen. Leider ging das nicht, da ich sehr viel mehr Navigationsaufgaben wahrnehmen musste, als mir lieb war. Ich war irgendwie nicht richtig gedanklich dabei, bei dem off-road Teil der Strecke.

Startpunkt und Material.





Im Ort war es eh so steil, dass wir geschoben hatten, danach ging es dann recht moderat los und die Jungs mit ihren dickbeschlappten Rädern hatten Spaß mit den ersten Forstwegen. Meine Oberschenkel waren angeschlagen, schon die ersten paar hundert Meter abseits des Asphalts fühlten sich nur komisch an, ich wäre gerne flüssig auf der Strasse weitergefahren, meine Beine konnten dem dauernden Rhythmuswechsel nichts rechtes abgewinnen.

Das ging Kilometer so dahin und ich war eh immer das Schlusslicht und was soll ich sagen, es war mir eigentlich egal. Nach vielleicht 30 Kilometern hatte ich genug, 35 mm breite Crossreifen auf 26" Felgen in Verbindung mit Rennradlenker und einer seltsamen Gabel machen auf dem Wurzelgehoppse leider keinen Spaß.

Das Rad ist eher für Rennradfahren im Wald gedacht und das konnte ich durchaus haben, ich trennte mich von Micha und Martin, sie fuhren die Wurzeln, ich den Chickenway, den Radwanderweg. Wir sahen uns dann drei oder vier Mal wieder, teilweise bin ich dann doch wieder in die Wurzeln mit rein, aber nur, um festzustellen: Das ist nix.

Die beiden Pausen (Steinbach am Wald, Neuhaus am Rennweg), die machten wir gemeinsam und als wir um 11:30 Uhr die zweite Pause machten und erst 50 km rum waren, da kamen mir erste Zweifel, ob M&M das zeitlich bis nach Hörschel packen. Fitness war da, Wille auch. Blos, was ist mit dem Licht?

Unterwegs...





In Spechtsbrunn ging es hoch, auf den Roter Berg. Im Ort, auf dem Asphaltstück, da konnte ich noch fahren, aber dann, ausserhalb der Ortschaft, da ging bei mir erstmal gar nichts und ich schon den Weg entlang und da schaue ich so durch die Gegend und siehe da, Blaubeeren überall. Da konnte ich nicht widerstehen, ich habe eine halbe Trinkflasche voll gesammelt und die Beeren sozusagen getrunken und gegessen mit der Flüssigkeit zusammen, die noch in der Flasche war. Lecker.

Oben am Waldrand habe ich zurückgeschaut und tatsächlich, der Kamin von Lichtenberg war zu sehen! Weiter rein in den Wald, es geht ungemütlich ruckelnd über einen stark steinigen Forstweg und ich denke mir nichts böses, da kommen M&M von hinten angeschossen und wir fahren bis Neuhaus am Rennweg gemeinsam.

Der Blick zurück, ich weiß, wo der Kamin ist...



Dort lagern wir mehr oder weniger mitten auf dem Parkplatz und schlichten wild durcheinander essbares in uns rein. Ein weiteres Blankenstein-Hörschel-Team (zwei Mädels und ein Kerl) kommt auch auf den Parkplatz, wir hatten uns schon beim ersten Einkaufsbummel gesehen.

Die Jungs müssen weiter, sie auf den Wurzeln, ich auf dem Radweg und nachdem der Rennsteigweg die Strasse bei Scheibe Alsbach überquerte, da schlug ich mich nach einer schnellen Abfahrt nach rechts auf eine richtige Forstautobahn, der Goldweg war ausgeschildert. Ich kannte den Namen und wußte, dass ich grob Richtung Pumpspeicherwerk Goldisthal unterwegs war. Perfekt, da wollte ich schon lange mal hin.

Das letzte "R" des Tages für mich.



Zunächst lief es auf dieser feinsandigen, breiten Piste wie wild bergab, ausgeschaut hat es dort, als ob links oder rechts gleich russische Panzer aus dem Gebüsch brechen würden, überall lagen verrostete Fässer rum und wenn das mal ein Truppenübungsplatz gewesen sein sollte, wundern täte es mich nicht. Die Piste war zu Ende, auf der Strasse ging es weiter und zwar stetig bergan, bis ich an der Abzweigung zum Oberbecken des PSW war. Hier hatte ich dann die Karte gecheckt und ja, es geht runter bis auf 450 m ü.NN und gleich wieder hoch, an der Massamühle vorbei rauf nach Gießübel, was wieder am Rennsteig liegt.

Blick auf den Rand des Oberbeckens, gleich geht es für 5 km mit 9% bergab!



Blick rüber nach Masserberg (auf dem Rennsteig)



Das Massathal, die Massamühle und ein U-Boot!







Den Rest der Strecke bin ich dann oben geblieben und habe die schmale Teerstrasse unter die Räder genommen und auch genossen. Kein Vergleich mit den breiten Strassen vom Beginn.

Einmal bin ich eingekehrt, habe Gulaschsuppe und Kaffee zu mir genommen und die Sonne aufgesaugt, es war wie ein kleiner Urlaub für mich. Keine Eile, alle Zeit der Welt, kein Streß. Müde war ich auch nicht.

Danach hat es dann noch für einen kleinen Fight mit einem übermotivierten Radwanderer gereicht, er konnte nicht so recht mithalten und mir hat es Spaß gemacht, mich wieder auszubelasten. Ich war kurz davor, die Kette wieder auf das 42er Blatt zu heben, aber andererseits gab es schon immer schöne Wellen und das schnelle Treten liegt mir, flott genug war ich so auch unterwegs.

Das Abschlussfoto am Obelisken, zufrieden bei etwas unter 260 km Strecke und fast 4.000 hm.




Abschnitt 4: ab KFC Schweinfurt bis nach Hause (Teilstück: 42 km, 40 hm - Summe: 300 km, 3.990 hm / alles Strasse / 18:20 bis 20:00 Uhr)

Nach der Fastfoodorgie wollte ich die Zugfahrt irgendwie los werden und ruhig ausfahren. Das Stehen im Zug und die stickige Luft, das hatte mir überhaupt nicht gut getan. Also habe ich eine halbe Hausrunde am Main entlang auf die etwa 260 km, die der HAC4 festgehalten hatte, draufgesattelt und war zufrieden. Das Wetter war in Gewitterstimmung, die Luft sehr mild und wenig war los auf den Strassen. Die Kilometer flogen so dahin, ein paar Höhenmeter waran auch noch drin und schon war ich wieder zu Hause. Nicht sonderlich müde, eher leicht matt und sehr zufrieden mit mir und der Welt.

Ernährung

Vor der Abfahrt: Streuselkuchen, Kaffee, 0,3 Liter Obstsaftschorle
Nachts: 2 Hanuta, 2 halbe Brote (Geflügelwurst, Käse), 0,5 Liter Tee
Erstes Frühstück: 1 Banane, 2 halbe Brote (Nutella), 0,5 Liter Wasser
Spätes Frühstück: Leberkäse in der Semmel, 1 Snickers, 1 knapper Liter Apfelsaft, 0,5 Liter Wasser
Kleiner Hunger zwischendurch: 1 Riegel, 1 Gel, Gummibärchen

Mittagszeit: 1 Apfel, 2 halbe Brote (wie oben), etwas Schokolade, 0,3 Liter Saft-Molke

früher Nachmittag: 1 Mars, halbe Tüte Gummibärchen, 0,3 Liter Traubensaft

Nachmittag: 1 Gulaschsuppe, 1 Milchkaffee

Spätnachmittag: 0,3 Liter Orangensaft, 2 halbe Brote (Wurst/Käse), Gummibärchen

Abendessen 1: Aprupter Einfall bei KFC (erstmalig "kennengelernt"). Ein Menü mit irgendwas vom Huhn und scharf, 1,3 Liter Cola-Wassergemisch

Abendessen 2: Nudeln mit viel Gemüse, 1 Liter Obstsaftschorle, 1 Liter Radler

Der leidige Durchschnitt

Nicht wichtig für den Moment, aber wichtig für neue Tourenplanungen. Und deshalb wird der Schnitt doch dokumentiert...

Strasse brutto: 20,5 km/h (248 km mit 12,1 h)

Im ersten Segment bis Blankenstein wurde mit etwa 21 km/h die Zeitvorgabe nur knapp verpasst, einzig die Navigation war stellenweise zeitraubend, Pausen wurden keine gemacht.

Das Strassensegment zwischen Neuhaus am Rennweg und Suhl (ca. 61 km mit 3,5 h) war geprägt von zwei längeren Pausen, deswegen der extrem geringe Schnitt. Für Planungen nicht weiter relevant.

Die halbe Hausrunde am Schluss (42 km mit 1,6 h) liegt im üblichen Jahresmittel, uninteressant.

Gelände brutto: ca. 9 km/h (50 bis 55 km mit 6,1 h)

Ebenfalls nicht aussagekräftig für andere Touren, der Geländeanteil an der Gesamttour ist zu gering, ausserdem fand ich während der ganzen Zeit keinen wirklichen emotionalen Zugang, ich war nicht richtig bei der Sache im Gelände und das dafür falsch bereifte Fahrrad trug seinen Teil dazu bei.


Streckenprofil


Zum guten Schluss

M&M haben ihre Berichte natürlich auch gemacht, mit vielen Bildern und viel Passion. Schaut doch mal hier http://forum.eingangrad.de/thread.php?threadid=7852&page=3 Viel Spaß beim Lesen!

Donnerstag, 30.03.2006

Tälerrunde ab Tauberbischofsheim




Der spontane Gedanke meines Radlkumpels Widu, mal eben schnell im März eine 300er Grundlagenaufbaurunde ab Tauberbischofsheim zu fahren, der viel bei mir gleich auf fruchtbaren Boden. Ein Termin war schnell gefunden, das letzte Märzwochenende sollte es sein.

Aus lauter Frust über das Wetter im Januar schlug ich dem Pinguin via Mail vor, diese Runde anzugehen. Zum Einen wollte ich schon lange mal diese Runde in Angriff nehmen, zum Anderen reizte mich die Herausforderung eine solche Strecke mit dem Eingänger und zu dieser Jahreszeit zu fahren. Der Vorschlag wurde nahezu sofort angenommen. Die Terminabstimmung erwies sich als relativ einfach. Im März oder Anfang April (als Ausweichtermin) ist noch weniger los.



Das bisherige Winterwetter war kalt und die Märztage waren mit Temperaturen zwischen dem Gefrierpunkt und seltenen zweistelligen Plusgraden nicht gerade frühlingshaft motivierend. Dazu dann noch eine zünftige Menge Regen. Irgendwie nicht so richtig die Bedingungen, die man sich wünschen würde. Da es am Freitag Abend nochmal richtig zuzog und zumindest in TBB Regen runter kam, wurde von Widu Plan B ausgegraben - ich soll doch zusätzlich zum Rennrad das MTB einpacken. Klar, wenn es regnet, dann könnte es im Wald auch ganz nett sein. Wollen wir aber mal sehen, wie die Geschichte ausgeht.


Diesen Reserveplan habe ich schon seit dem letzten Jahr im Hinterkopf. Man könnte mit dem Zug nach Aschaffenburg fahren und dann über die verschiedenen Wanderwege (Lohrer Höhenweg und Eselsweg) wieder zurück fahren. Letztes Jahr habe ich ähnliches schon alleine ausprobiert, die MTB-Strecken im Spessart sind fantastisch und lohnen einen nähere Erforschung.



Meine Autofahrt dauerte um die nachtschlafende Zeit - die Strassen waren trocken oder nur wenig feucht - nicht mal eine Stunde und so hat die Zeit noch für ein gemeinsames Frühstück bei Widu und seiner C. gereicht. Die Monstergatze war auch mit von der Partie. Wir haben uns verplappert, dann noch eine Weile wilde Schlüsselsucherei vom Hausherrn.


Der Wecker klingelt natürlich viel zu früh. Ich richte schon mal die Blubber-Kaffemaschine und warte auf Pinguin. Wir hatten ausgemacht zusammen zu frühstücken. Kurzer Blick hinaus: Jawoll, Wetter gut. Das Rennrad wird genommen.

Das Loskommen gestaltet sich mal wieder etwas schwieriger: ich habe meinen Schlüssel verlegt und springe somit in Radelklamotten aufgeregt durch die Wohnung. Die Verspätung war mir eigentlich egal. Wir würden den ganzen Tag auf dem Rad sitzen, da kann man sich auch ein bisschen Zeit lassen, dennoch ärgert mich es, wenn sich mein Schlüssel schon wieder versteckt.



Aber trotz aller Gemütlichkeit, am besagten Samstag Morgen ging es dann halt doch um etwa dreiviertel sieben Uhr los auf unsere Tour. Leider gleich der erste Regenguß. Wir hatten uns doch für die Rennräder entschieden. Mein Gefährt war das da.

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Ein Gang - wie immer halt. Widu ist was "ähnliches" gefahren. Zumindest die Entfaltung war annähernd gleich. Über den Rest breite ich den Mantel des Schweigens...



Nach Verlassen der Haustür und in Anbetracht der Tatsache, dass es schon gleich regnet, ziehe ich mir meine Regenrüstung drüber, wodurch sich die Abfahrt weiter verspätet. Die Regenüberschuhe verdienen leider den Namen nicht mehr. Zwei kleine Fetzen baumeln über meinen Schuhen. Es ist das erste Mal, dass ich mit dem vollen Anti-Regenprogramm schon zu einer Tour aufbreche. Zu Pinguins Rad schweige ich mich auch aus. Eine Hässlichkeit sondersgleichen. Wie kommt man denn bitte auf die Idee, so einen Lenker auf ein Langstreckengefährt zu bauen? Mein Gefährt seht ihr hier:

Es ist hässlich, leider zu klein und durch den dämlichen Vorbau etwas unruhig zu fahren. Egal, es geht um Radeln und nicht um eine Teilnahme an einem Schönheitswettbewerb.





Tauberbischofsheim verließen wir also im Sprühregen bei 9 Celsius auf dem Radweg in nördliche Richtung. Erstes Etappenziel an der Tauber war Wertheim. Bis dorthin waren wir fast alleine auf den Strassen, der Regen hatte nachgelassen. Insgesamt habe ich mich richtig wohl gefühlt und das Palavern mit dem Hühnerhabicht läßt die Kilometer nur so verfliegen. Ab Wertheim folgten wir dem Main, das erste Mal kommt der Wind von vorne, teilweise lugt die Sonne hervor. Schwäne sitzen auf den Feldern und suchen sich ihr Frühstück. Etwas Verkehr kommt auf die Landstrasse.



Schon nach 10 Minuten stehen meine Füße völlig unter Wasser. Wir folgen bis nach Gamburg dem Taubertalradweg. Ich betrachte erstaunt Pinguins Rücklicht, welches trotz Helligkeit fröhlich vor sich hin leuchtet. Aus Solidarität habe ich auch erst mal meines angeschalten, ein bisschen Absicherung nach hinten kann nicht schaden. Es stellt sich beim ersten Boxenstopp heraus, dass das Rücklicht meines Mitfahrers ein Eigenleben führt. Es schaltet sich an oder aus, wie es gerade lustig ist. Irgendwelche technisch hochtrabenden Erklärungen dazu darf ich mir auch anhören. Im Nachhinein bin ich der Meinung, dass der "An-Aus"-Schalter hinüber ist und das Gerät in die Mülltonne gehört. Ein stromspeichernder Kondensator in einem batteriebetriebenen Rücklicht ist schon etwas herb.




Fahrräder und Fahrer sind schon ziemlich dreckig und die Füße sind trotz Überschuhen reichlich naß, aber nicht zu unangenehm kalt. Widu sieht das etwas kühler, mir taugts. Es gibt schöneres, aber es ist nicht wirklich nervig. Diesen Streckenverlauf kenne ich von einer anderen Tour her - manche Erinnerung an den damals unglaublich heißen 5. August 2003 werden wach. Was für ein Wetter war das damals!

Wir kommen nach Miltenberg, unser Dreckzustand nimmt noch weiter zu dank diverser Baumaßnahmen an Radwegen und Strassen. Ab Miltenberg verlassen wir das Maintal. Es geht Richtung Amorbach. Etwa 70 km sind zurückgelegt und zwischendurch mache ich mal ein Guckerle auf die aufsummierten Höhenmeter. Was für ein Spaß! 90 Höhenmeter auf diese Strecke. Unsere Blasentätigkeit ist vom vielen Wasser rundrum fein angeregt, wir gehen immer passend zeitgleich vom Rad und gießen die Büsche. Das kann nicht nur am Frühstückskaffee aus dieser unglaublich phantastischen Kaffeemaschine liegen.


Der Höhenmesser verkündete stolze 90 HM bis nach Miltenberg. Ich war erstaunt, dass es doch so wenig sind. Die Strecke an den Flüsschen entlang wellt sich ein bisschen. Über das viele Palavern hinweg bemerke ich die Kilometer kaum. Es hat aufgehört zu regnen und in Mondfeld entledigen wir uns der Regenrüstungen. In Miltenberg verkündigt mir der Blick auf die Uhr, dass wir knapp eine Stunde hinter dem erwarteten Zeitplan liegen. Beim Hochrechnen bemerke ich, dass wir somit viel zu spät dran sind, um die 300km zu einer angemessenen Zeit voll zu bekommen. Ich sage erst mal nichts dazu. Im Hinterkopf habe ich, dass wir jederzeit im Jagsttal abbrechen können.



Amorbach ist bald erreicht, wir müssen an der Bahnschranke einen Zug abwarten. Widu merkt, dass er einen Platten hat und er wechselt den Schlauch im Regen. Jetzt sind auch seine Patschhändchen dreckig. Ein stimmungsvolles Gesamtbild entsteht. Nach Amorbach regnet es stärker, aber nicht so schlimm, es geht ja jetzt in die Hügel und uns wird da schon warm werden. Der Talwechsel an den Neckar steht an. Die Steigung zieht sich gleichmäßig über einige Kilometer dahin, der Anstieg läßt sich auch eingängig schön fahren, ich bin die 45er Trittfrequenz gut gewöhnt, Widu würde zwar gerne flotter treten, aber der Anstieg läßt es halt nicht zu. Das Tal ist malerisch und richtig romantisch. Wie das wohl im Frühjahr und Herbst aussieht?



Im Reifen steckt eine riesige Scherbe und es hatte wieder zu regnen begonnen. An den Felgenflanken hat sich ein ganzer Schwung Abrieb gesammelt, den ich mir natürlich beim Wechseln des Schlauches auf die Hände verteile. Aber nach ein paar gemütlichen Gymnastikübungen mit der Pumpe ziehen wir weiter.

Der Anstieg aus dem Tal hinaus zieht sich hin und endet in Pinguins beschriebenen 45 Umdrehungen pro Minute. Da ich erst kürzlich die Übersetzung auf Pingus Verhältnisse von 46/19 auf 46/17 geändert habe, fällt mir der Aufstieg hinreichend schwer.



Der Talschluss hält noch einiges an Schneeresten links und rechts der Strasse für uns bereit, der Dunst wabbert durch die Wälder, überall wird Holz gemacht. Oben angekommen (Hesseneck nennt sich die Lokation wohl) geht es sofort in die Abfahrt runter nach Eberbach. Wir haben unseren Spaß beim wechselnden Überholen aus dem Windschatten heraus und erreichen unter heftigem Strampeln sogar eine Höchstgeschwindigkeit von sagenhaften 60 km/h. Es wird flacher, jedoch rollt es immer noch fast von alleine. Am Strassenrand sind Jugendliche und Erwachsene damit beschäftigt, Krötenschutzzäune aufzubauen. Die schuften ganz schön.


Anstatt einfach nach der Steigung gemütlich runterzurollen, haben wir richtig reingetreten und uns gegenseitig zu höheren Geschwindigkeiten ermuntert. Dumm sind nur die nassen Kurven (es regnet immer noch), die zu einer vorsichtigen Fahrweise zwingen. Die Krötenzaunaufsteller sind klasse. Teilweise feuern sie uns an, während wir an ihnen vorbei fliegen. Pinguin fragt mich nach der weiteren Beschaffenheit der Strecke, da er Hunger habe. Ich meine zu ihm, dass es bis nach Eberbach nur noch bergab gehe und wir doch dann dort beim LIDl halten können.




Ich bekomme langsam Hunger, eine Banane seit dem Frühstück reicht dann doch nicht bei den kühlen Bedingungen. Wir kommen nach Eberbach und Widu führt uns mit schlafwandlerischer Sicherheit zum Einkaufsparadies Lidl. (Meine C. studierte in HD. Den Lidl kannte ich noch durch die früheren Heidelbergfahrten.) Wir essen mitgenommene Brote und beim Lidl kaufe ich Batterien für die Kamera (Die Akkus waren halt wieder mal leer.) und noch ein Päckchen Landjäger oder sowas...

Meine zwei Paar Socken ziehe ich mal eben schnell aus und wringe das Wasser raus. Danach fühlt sich's schon nicht mehr so quatschig zwischen den Zehen an. Dann wieder auf's Rad - uns ist kalt, die Lippen sind blau, sagt Widu. Es geht durch den Ort runter an den Neckar und dann auf der breiten Strasse Richtung Süden. Der Wind fordert doch ganz schön, unter der Regenjacke wird es ungemütlich warm. Ein kurzer Stopp - Regenjacke aus, ein Photo machen und siehe da, die Sonne kommt raus. Dafür dreht der Wind jetzt ins Tal und gerade, während ich in der Führung bin, dreht er richtig schön auf. Aber auch die Sonne zeigt, was sie kann. Die Strassen sind trocken, es ist wunderbar warm, das Thermometer erzählt was von 16 Celsius. Toll! So kann es bleiben. Die Strasse schwenkt nach Südosten aus dem Wind und plötzlich läuft mein Radl wie von der Schnur gezogen immer schneller. Bei 40 km/h lasse ich es gut sein und reduziere wieder auf eine vernünftige Trittfrequenz. Wir haben ja noch nicht mal die Hälfte der Strecke absolviert, für solche Späße ist es noch deutlich zu früh.




Nach der Pause am LIDL klappern die Zähne vor Kälte aufeinander. Wir erreichen den Neckar und drehen in den Rückenwind. Pinguin übt sich im hochfrequenten Hochgeschwindigkeitsdahinrauschen bis wir wieder in den Wind drehen. Schlagartig wird es in seinem Windschatten gemütlich. Wir wechseln uns in der Führung ab. Mir fällt auf, dass er sich nicht so dicht in meinem Windschatten aufhält. Bei der nächsten Pause kommt auch prompt die Erklärung: Er kann das Spritzwasser auf seiner Regenjacke sehen. Es ist tiefschwarz und widerlich. (Es hat einen angenehmen Geschmack nach Gummi.;) )



Wir stoppen nochmal kurz, etwas Kleidung im Rucksack verstauen und etwas essen. Der Blick zurück zeigt, dass das schöne Wetter ein kurzes Intermezzo gewesen sein dürfte. Eine dunkle Front fliegt auf uns zu. Wir sausen weiter. Bei Gundelheim verlassen wir die Strasse, Widu ruft einen Bekannten an. Vielleicht hat er Lust, uns ein Stück zu begleiten? Nein, er hat keine Zeit - aber er schaut mal schnell bei uns vorbei zum Hallo! sagen. Ein wertvoller Routentipp kommt noch und wir machen uns wieder auf die Socken.



Jan (maniceden) teilt uns mit, dass die Jagst erst hinter Offenau in den Neckar mündet. Wenn wir das Neckartal schon in Gundelsheim verlassen würden, müssen wir über einen Höhenzug fahren. Und das liegt ja nicht im Sinn unserer Tour. Tatsächlich kommt uns maniceden mit dem Auto entgegen gefahren. Freut mich. Ich versuche ihn schon seit geraumer Zeit davon zu überzeugen, dass er den hässlichen ihm viel zu großen GT-Rahmen nicht braucht und dass er ihn mir verkauft, da mein Radel doch viel zu klein sei. Er überzeugt sich nochmal davon, dass wir tatsächlich nur mit den Eingängern unterwegs sind und gibt uns nette Tiernamen. Schade ist, dass er noch Besuch erwartet. Deswegen kann er uns nicht begleiten.




Nach Offenau zweigen wir ab ins Jagsttal und nun war der Wind mit uns. Ich stopfe mir wieder mal einen Riegel rein und dann geht es hinter Widu hinterher. Wir fahren ein Stückchen und siehe da, ein roter Golf kommt uns entgegen, Widu winkt und die Bekanntschaft holt uns ein. Ein kurzer Schnack auf einem Parkplatz. Es geht um große und kleine Fahrräder und so unwichtige Sachen. Es ist ungefähr 14 Uhr, wir haben noch etliche Kilometer vor uns. Jan gibt uns den Tipp, an der nächsten T-Kreuzung runter an die Jagst zu fahren. Wir sparen uns Höhenmeter, sagt er. Na klar, sowas spart man doch gerne.

Es gibt Menschen, die wissen so ungefähr, was eine T-Kreuzung ist und es gibt Widus. Der nette Kollege hat wild gestikulierend angedeutet, wir seien an der Kreuzung vorbei gefahren. Ach was? Mir doch wurscht. Die Jagst finden wir auch so. raus aus der Ortschaft, ein wenig die Lage gepeilt und den übernächsten Feldweg ausgesucht und runter ins Tal gerumpelt. Unten dann ein brauchbarer Kiesweg für ein paar hundert Meter und ja was? Wir kommen wieder auf die Landstrasse. Einmal nach links aus dem Tal geschaut und was sehen meine Äugelein? Eine Kreuzung weiter oben. So sieht das aus. Das wäre unsere T-Kreuzung gewesen. Na egal, so war es auch gut gewesen. Wir sind ja nicht mit Eisdielenposingmaschinen unterwegs sondern mit Fahrrädern. Mit dreckigen Fahrrädern. Auf denen dreckige Fahrer hocken. Jawoll, so ist das.



Tja, die T-Kreungssache ist gar nicht so einfach darzustellen. Maniceden kenne ich als leicht verstrahlten sehr netten Kerl, der ein gewisses Maß an Zerstreuung in sich und in seiner Umgebung herum- bzw überträgt. Er beschreibt uns eine T-Kreuzung. Was Maniceden als T-Kreuzung beschreibt, muss nicht unbedingt für normale Menschen wie eine T-Kreuzung aussehen. Also denke ich mir, dass wir an der Stelle vorbei gefahren sind. Das der Versuch an die Jagst zu kommen, auf einem lehmigen Feldweg in einer kleinen Geländeeinheit endet, ist dann eigentlich nur konsequent. Zumal sich beim Blick voraus herausstellt, dass Manicedens T-Kreuzungen tatsächlich eine T-Kreuzung ist. Nun ja, was soll`s!



Wir fahren Jagstaufwärts, der Weg wird dann richtig gut und die Landschaft erinnert mich sehr an die Täler der fränkischen Saale. Das letzte Hochwasser ist noch nicht lange her, überall hängen die Grasbüschel an den Ästen der ufernahen Bäumen. So schön das ist, die Sonne scheint, der Wind schiebt uns vorwärts. Aber so richtig kommen wir auf den Flurwegen nicht voran.



Vor mir präsentiert sich ein typische idyllische Situation. Eine Frau spielt auf der Wiese mit ihrem großen Dertutnix, ein Stückchen weiter traktieren drei Generationen den Wald mit ihrem Waldmoped. Dertutnix macht einen netten Eindruck und springt interessiert auf mich zu. Ich lasse das Rad erst mal rollen und beobachte den Riesnwautz, wie er seitwärts auf mich zu hechelt. Frauchen schreit undefinierbares für Dertutnix unverständliches Zeugs als der Hund an meiner Wade schnuppert. Es kitzelt ein bisschen. Die zweite männliche Generation schreit und Wautz empfindet die Stimme verlockender als die mit 25 km/h dahinrollende Wade. Zum ersten Mal bin ich mir sicher, dass ein Hund auch die Wade treffen würde, in die er hineinzubeißen wünscht.



Ein Hund will Widu fressen, das meistert er bravourös und beist doch nicht zurück. Irgendwo vor Jagsthausen wechseln wir auf die Landstrasse und so schaukeln wir halt ein paar Höhenmeter zusammen. Wir nähern uns langsam der A81, bei der Ortschaft Möckmühl haben wir etwa 180 Kilometer zurück gelegt. Es ist zwischen 15 Uhr und halb Vier. Zeitlich wird es langsam eng für das Erreichen von 300 Kilometern. In Möckmühl wird eingekauft, die Regenfront erwischt uns, während wir unterm Dach des Einkaufszentrums stehen und essen und unsere Getränkevorräte auffüllen.



Kurz vor Möckmöhl springen ein Haufen Kinder dem vorausfahrenden Pinguin blindlings in den Weg. Wir können uns beide gerade so seitlich retten. Das Beste ist, dass das älteste Mädel der Gruppe noch aufgeschaut hat und ihn direkt angeschaut hat. Sie hat uns Radler einfach nicht als Gefahr erkannt!




Nachdem das erledigt bzw. vorbei ist, führt uns Widu aus der Ortschaft und mir kommt was spanisch vor. warum fließt die Jagst plötzlich in unserer Richtung? OK - ein paar hundert Meter falsch gefahren, wieder rein in den Ort und auf der Landstrasse wieder richtig raus. (Hatte mich schon über den Gegenwind geärgert.)Der Beschluss, die Tour auf ca. 250 km abzukürzen wird dann auch gefaßt und nachdem Jagsthausen passiert ist, kommt noch eine Ortschaft und nach etwa 207 km verlassen wir die geplante Route Richtung Norden.



Für die Routenjunkies: zwischen Krautheim und Dörzbach.



Es gibt noch einen ernsthaften Anstieg, dann kommt Assamstadt, wir machen kurze Pause und weiter geht es. Die Sonne war mal kurz da, dann schnell wieder weg. Es ist trocken und angenehm. Etwa bei Bad Mergentheim werden wir wieder mal naß, eine kurze Gelpause noch (wieviele von diesen Dingern fährt Widu mit sich spazieren?) (8 und drei davon hast Du geschlürft.) und die letzten Kilometer nehmen wir unter die Räder. Die Sonne begleitet uns im Taubertal, östlich von uns ein schöner Regenbogen vor dunklem Himmel, die Wiesen sind tropfnaß und satt grün - schön!

Leider müssen wir am Ende nochmal richtig durch den Dreck, die Radwege sind landwirtschaftlich mitgenutzt und sehr verschmutzt. Ich bin froh, dass wir dieses Stück nicht im Dunkeln fahren. Viel zu gefährlich ist die Kombination aus Nässe, Dreck und rechtwinkligen Wegeverläufen.


Da ich die Strecke bei fast jeder Runde fahre, kommt mir das Ganze nicht so schlimm vor. Der Dreck auf dem Radweg zwischen Edelfngen und Unterbalbach war schon oft Thema von Diskussionen und Leserbriefen in der Zeitung. Es scheint so zu sein, dass es einem anliegenden Bauer einfach scheißegal ist, wie es dort aussieht. Alle Teile des Taubertal-Radwegs werden durch Bauern genutzt, aber nur dort ist der Zustand besorgniserregend.



In Tauberbischofsheim angekommen geht es nochmal 60 Höhenmeter den Hausbuckel vom Widu hoch und schon sind wir fertig mit der Runde. Sonnenschein empfängt uns, der Nachbar vom Widu macht noch das obligatorische Abschlussphoto und wir dürfen dabei noch was von seinem Talent als Photograph was lernen - was will man mehr?


Schlafen!



Kram wegpacken, sich saubermachen und dann bei leckerem Abendessen sitzen und danach noch plaudern ist eines und am späten Abend mache ich mich gutgelaunt und entspannt auf nach Hause. Das es keine 300 km geworden sind, das stört mich nicht. Für die frühe Zeit im Jahr war das Tagespensum schon sehr in Ordnung, so wie es war.



Stimmt. War eine klasse Runde, die wir mit Sicherheit irgendwann noch vollenden werden. Es hat irrsinnigen Spaß gemacht, war kein Gehetze, sondern einfach eine gemütliche lange Radltour.



Hier noch die Route im Detail und das Höhenprofil:


Taubertal] TBB - Hochhausen - Werbach - Niklashausen - Gamburg - Reicholzheim - Wertheim (0+30 km) - [Maintal] - Mondfeld - Dorfprozelten - Freudenberg - Miltenberg (30+32 km) - Weilbach - Amorbach - Kirchzell - Ottorfszell - Ernsttal - Kailbach - Gaimühle - Eberbach (62+36 km) [Neckartal] - Zwingenberg - Neckargerach - Binau - Obrigheim - Neckarelz (98+27 km) - Haßmersheim - Heinsheim - Bad Wimpfen (südlichster Punkt / 125+20 km) - Untergriesheim - Offenau [Jagsttal]- Neudenau - Siglingen - Züttlingen - Möckmühl (145+25 km) - Widdern (an der A81) - Jagsthausen - Bieringen - Krautheim (180+31 km) - Horrenbach - Assamstadt - Richtung Bobstadt - Althausen - Neunkirchen - [Taubertal] - Bad Mergentheim - Edelfingen - Unterbalbach - Königshofen - Lauda - Dittigheim - TBB (211+35 km=246 km)
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Donnerstag, 06.10.2005

Erst stur, dann starr - neue Ziele



Seit etwa einem Jahr trete ich auf diverse eingängige und freilaufende Fahrräder ein. Zu Beginn der Aufbau- und Testzeit gab es Vorschläge und Diskussionen, doch starrlaufend zu fahren.


Habe abgelehnt und nicht weiter darüber nachgedacht. Ein paar Kilometer Erfahrung mit Starrlauf hatte ich schon mal gesammelt. Damals war das die reine Panik für mich und ohne Reiz. Ich war halt stur...


Nun ist fast ein eingängiges Radsportjahr vorbei (genauer, es endet am 25. Oktober) und in dieser Zeit habe ich für mich einiges erreicht.


Beginnend mit der einstündigen, ersten Testfahrt mit mehrfachem Kettenabwurf aber faszinierender Geräuschlosigkeit in völliger Dunkelheit in einer eiskalten Herbstnacht über die immer wieder mit Spannung erwartete Bewältigung der altbekannten Hausrunden (welche plötzlich alle wieder Spaß gemacht haben) - zuerst alleine, dann in der Gruppe - hin zu teilweisen Grenzerfahrungen auf Rennrad und MTB:


Mehr als 400 Kilometer am Stück, Steigungen im Bereich von 18%, Sprintgeschwindigkeiten bis zu 60 km/h, Trittfrequenzen zwischen 15 und 180 rpm, Stilfser Joch (ca. 1.800 hm) und weitere Passstrassen (knappe 5.000 hm/Tag) usw. fallen mir da so spontan ein.


Im Frühjahr kam aus einer Laune heraus ein Einrad ins Haus. Das erste "Rad" mit Starrlauf. Am Anfang hatte ich das nicht wirklich bemerkt, war viel zu sehr mit dem Gleichgewichthalten beschäftigt. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass dieses Rad keine Geräusche macht. Jedoch nicht weiter darüber nachgedacht.


Da ein Bekannter nun gerade ein schönes altes Rennrad zum Eingänger umbaut, habe ich mich auch wieder mit der Materie beschäftigt. In Zusammenhang mit dem Problem, dass die bisher verwendeten Freilaufritzel auf der wunderbar seidig laufenden Nabe von Sansin nach der ersten Regenfahrt oder nach dem ersten Dreck mangels guter Dichtung zuviele Geräusche machen, wurde doch mal das starre Ritzel aus der Bastelkiste gezogen.


Leider baut das Ritzel schmäler als ein Freilaufritzel und somit war die Kettenlinie nicht in Ordnung. Veränderungen am Hinterrad (umspacern etc.) wollte ich nicht durchführen, der beliebige Wechsel zwischen Freilauf und Starr muss gewährleistet sein.


Ein anderer Bekannter wiederum, ein ausgewiesener Spezialist auf dem Fahrradmechanikermarkt ;) hat mir einen Distanzring gegeben und siehe da, genau solche Ringe befinden sich schon in meiner Materialsammlung. Es sind die metallenen Distanzringe von Marchisio, die man da benutzen kann. Zwei davon zwischen Nabenflansch und Ritzel und die Kettenlinie ist wieder in Ordnung gebracht. Das recht kurze Nabengewinde nimmt dennoch das Ritzel mit allen Gewindegängen auf. Ein Konterringgewinde ist nabenseitig nicht vorgesehen, ein Alibikonterring findet auf dem Gewinde keinen Platz mehr.


Meine Überlegung dazu ist, es erstmal so auszuprobieren. Gegebenenfalls kann die hier beschriebene Technik der Ritzelverschraubung auch noch helfen, falls es nicht halten sollte: http://204.73.203.34/fisso/eng/schpignone.htm


Viele Starrfahrer fahren ohne Felgenbremse bzw. nur mit einer Vorderradbremse. Ich bekennendes Weichei belasse die beiden Bremsen wie gehabt am Rad. Beim freilaufenden Fahren benötige ich sie sowieso.


Von stur zu starr ist somit schon mal technisch erledigt.


Wie fühlt sich das jetzt an?


Gestern (5. Oktober) war ein traumhaft schöner Herbsttag mit viel Sonnenschein und sehr milden Temperaturen. Radlfahren war eingeplant, warum nicht gleich mit dem Starrläufer?


Am frühen Nachmittag stand ich über dem Rad und es ist zunächst mal komisch, dass man sich das Pedal nicht zurecht stellen kann, wie gewohnt. OK, Hinterrad hoch, Kurbel passend stellen und einklicken. Das zweite Bein ist kein Problem.


Die ersten paar hundert Meter geht es leicht bergab, ich lasse rollen und fange kurz vor der Einmündung an, sanft zu kontern. So, wie ich es vom Einrad her gewöhnt bin. Ja was? Da passiert nichts? Muss man also etwas mehr Gegendruck aufbauen. Dann wieder in der Ebene geht es mit Seitenwind schön ruhig dahin und ich bin erstaunt, wie ruhig das Rad läuft. Das starre Ritzel eiert nicht und das Kettenblatt auch nicht, somit habe ich erstmals eine sehr gleichmäßig gespannte Kette und das merke ich deutlich im Fahrbetrieb.


Es geht dann linksrum, genau nach Osten. Wir haben strammen Ostwind, ein Haufen Arbeit gegen den Wind steht nun an. Leider ist der Wind auch recht geräuschvoll, ich kann das extrem geringe Laufgeräusch der Tufos nur auf Leeseiten von Waldrändern vernehmen. Es deutet sich dennoch an, dass das fehlende Geräusch des Freilaufs ein Qualitätsmerkmal für mich ist, das ich nicht missen möchte. Wieder eine Komponente am Fahrrad eliminiert, die unnötigen Lärm macht. Es gibt Kollegen, die sich an den extralauten Freiläufen mancher Hersteller erfreuen. Ich habe es lieber still um mich herum.


Im Nachbarort kommt der erste ruppige Bahnübergang - ich will aus dem Sattel, um den Hintern zu entlasten. Geht ja net... Mich reißt es gepflegt das erste Mal zurück auf den SLR und Rad und Fahrer rumpeln als feste Einheit über den Übergang. Gut, dass die Schlauchreifen was verkraften. Mein Hintern ist weniger begeistert. Also aufpassen und vorrauschauender fahren.


Die notwendigen Verzögerungen bekomme ich bislang alle mit der Konterbremse hin, oft reicht aufrichten und sanftes Gegendrücken für den nötigen Effekt. Dann geht es mit etwas Seitenwind Richtung Steigerwald und die Geschwindigkeit übersteigt auf leichtem Gefälle die 38 km/h Marke. Das sind etwa 115 Umdrehungen und jetzt könnte ich doch locker etwas vor mich hinrollern. Och... Geht ja nicht. Zum Glück habe ich das noch rechtzeitig gemerkt, bevor es mich wieder in den Sattel reißt.


Die Strecke ist mir gut bekannt, der Stich runter in die Ortschaft wird zur ersten Bewährungsprobe. Die Hände in Oberlenkerhaltung und kontern. Kollege, das kannste vergessen. Hände weit aussen und kontern? Aha. Schon besser, das Rad fährt jetzt wieder ungefähr dahin, wo es soll. Bremsen tut das immer noch nicht wirklich. Jetzt vielleicht noch etwas aus dem Sattel gehen und bewusst das Gewicht auf die hinten hochkommenden Pedale verlagern? Ja, das wird langsam. Ich werde es tatsächlich schaffen, ohne Felgenbremse da unten zum Stehen zu kommen. Ob das stilsicher ist, was ich da mache? Vielleicht kann mir da der eine oder andere Profi auf dem Gebiet Tipps geben?


OK, ich bin unten. Autos kommen. Normalerweise könnte ich jetzt einen Stehversuch machen an der Einmündung. Dazu bewege ich bei Freilaufrädern üblicherweise das Pedal ruckweise nach hinten und wieder vor. Bei Bedarf noch etwas bremsen. Klappt nicht. Ich drehe eine Warteschleife, bis die Fahrbahn frei ist. Stehversuch mit Starrlauf werde ich wohl demnächst verstärkt üben...


Ich kann wieder los, es geht in die Hügel des Steigerwalds und in einem langgezogenen, leicht steigenden Tal erneut gegen Osten. Freilauf oder starr ist erstmal für etliche Kilomter nicht die Frage, der Wind ist das Problem und ich ducke mich in den Unterlenker. Irgendwann fällt mir auf, dass ich immer schneller werde, trotz gleichbleibendem Wind. Nutze ich die Zugphase jetzt anders, effektiver, als zuvor? Irgendwas ist auf jeden Fall anders.


In den Ortschaften geht es durch Schlaglöcher und über viel Kopfsteinpflaster, teilweise überfahre ich das im Wiegetritt. Der Hintern dankt es.


Kurz vor Bamberg muss ich das Tal nach links verlassen, es steht eine Rampe mit 14% und Kopfsteinpflaster vor mir. Da sind keine Unterschiede zu freilaufender Fahrerei zu spüren. Warum auch.


Runter von dem Buckel muss ich aber wieder. Der Streckenabschnitt war mal bei einer D-Tour mit dabei, schön wellig und ruppig. Der Großteil der Bergabmeter (Höhenmeter sind für die nächste Zeit nimmer so interessant.) kommt jetzt.


Ich weiß genau, was mich erwartet. Elf Prozent auf einen Kilometer runter. Mal den Tacho beobachten und rollen lasse. Bei dreissig km/h verspüre ich langsam den Drang, etwas gegen die ansteigende Geschwindigkeit tun zu müssen. Bei 33 km/h werde ich kribblig, das Gefühl, keine Konterung mehr hin zu kriegen, da die Beine zu schnell rotieren.


Lenker aussen fassen, Konzentration und langsam Kraft nach hinten aufbauen. Erstmal tut sich fast nix, dann wieder aus dem Sattel und langsam wird es langsamer. Das Ortsschild kommt, ich bin für die nächste Kurve definitiv zu schnell. Doch an die Bremse greifen? Nee, wird schon werden. Und siehe da, es langt. Der Kurvenradius ist eng, wie haut das mit der Pedalstellung hin, langt die Pedalfreiheit? Eieiei... Was für eine Aktion. Bin rum um die Kurve und es geht leicht bergauf. Ich kann mich erholen.


Der folgende Talwechsel sieht ähnlich aus, ich werde immer schneller, die Panikattacke kommt pünktlich bei mehr als dreissig auch wieder und ich haue mich in die Konterung. Was für ein "Spaß". Wenn mich einer sieht, wie ich da runtereiere. Normalerweise habe ich an der Stelle deutlich mehr als 70 km/h auf dem Tacho. Kein Gedanke in dem Moment daran, irgendwie macht es doch Spaß,sich sehr kontrolliert bergab zu begeben.


Bin unten, ohne in die Bremsen greifen zu müssen und nach knapp 60 km und 450 hm ist der Wendepunkt erreicht. Jetzt bin ich im Maintal und benutze den Radweg parallel zur stark befahrenen B 26.


Der Weg geht nun direkt nach Westen, ich habe schönen Rückenwind, das Fahrrad und seine Geräuschlosigkeit kann ich nun geniesen. Muss mir nur Gedanken machen, wie ich dieses häßliche Klicken im Pedal los werde, welches im Wiegetritt bergauf auftritt. Entweder sind die Cleats ausgelatscht oder das Pedal am Ende. Da muss ich noch ran, damit es auch unter Last leise bleibt auf dem Fahrzeug. Der Fahrer macht dann halt noch als letztes Krach...


Die dauerhafte Sitzerei wird spürbar, scheinbar macht es was aus, wenn man sitzt aber rollend sich doch irgendwie entlastet. Werde die nächsten Ausfahrten mit Melkfett absolvieren, nicht dass ich mir nach langer Zeit ohne Probleme den Hintern wund fahre.


Die weitere Fahrt geht ereignislos vor sich, ein paar Ortsdurchfahrten mit engen Kurven erfordern nochmals Aufmerksamkeit. Scheinbar habe ich mich schon an das direkte Gefühl, welches der Starrlauf vermittelt, gewöhnt. Ich fühle mich gegen Ende der Runde sehr wohl, allerdings ein wenig müde. Einen Anteil daran hat sicherlich der stramme Gegenwind, die fixierte Fahrerei spüre ich mehr am Oberschenkelansatz und im unteren Rücken. Das wird vielleicht einen Muskelkater geben.


Da plumpst mir ein Gedanke ins Hirn. Daheim liegt noch eine einsame Sachs New Success Bremse, ein schmaler Rennlenker und eine Canti-Bremse mit integriertem Rapidfirezeugs liegt auch noch rum. Der Vorbau vom Rennerle hat vorne einen Deckel, ich kann den Lenker ohne Umstände abbauen und einen anderen hin machen. Die drei Ösen, durch die der hintere Bremszug verläuft, die schneide ich ab. Somit ist Lenker inkl. Bremsanlage komplett nach Lösen von vier Schrauben (2x Vorbau, zwei Bremsbolzen) zu entfernen und der andere Lenker mit drei Schrauben (Vorbau, Bremsbolzen) montierbar. Wenn ich im Sommer wieder die komplette Bremskraft brauche, dann kommt der andere Lenker dran. Den Bremszug fixiere ich dann mit solchen Kabelbinderzughaltern. Die Cantibremse wird bearbeitet, den Rapidfirekram schneide ich mit'm Dremel ab. Oder kaufe mir so ein Zusatzbremshebelchen aus dem Crosssport. Das reicht auch.


Fazit


Genial! Dieser Antrieb wird mir für die Winterzeit einiges abverlangen und die naheliegenden Hausrunden mit neuem Pepp versehen.


Ziel für diesen Winter wird sein, am Ende der Zeit gruppenkompatibel fahren zu können und den Kreuzberg mit einer verschärften Übersetzungswahl flüssig zu befahren.

Donnerstag, 29.09.2005

Schweizer Eingangmenue


Diese Aktion bräuchte vielleicht noch einen Untertitel. "Stromausfall total" zum Beispiel.

Mis en place

Eine Tour über 215 Kilometer in den Schweizer Zentralalpen und vorsichtig abgeschätzten 4.600 hm benötigt etwas Vorbereitung im Vorfeld. Das am 24. September von mir gezauberte und für mich servierte Schweizer Eingangmenue war das Probekochen für eine weit herausfordernde Runde, die so leider in 2005 nicht stattfinden konnte. Vielleicht gibt es 2006 so etwas wie Wettergerechtigkeit und ich kann mir einen Gourmetstern dafür an die Mütze hängen.

Die Rezeptur ist in einigen Wochen Planung nicht nur im Kopf entstanden, eine Menükarte gibt es auch schon.

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Erst mal in die Küche kommen, bevor es losgehen kann. Eine Autofahrt von 7 Stunden für 490 km wurde am Freitag Nachmittag in Angriff genommen. Wenn auf der A96 nicht so viele Baustellen gewesen wären, hätte ich das Ziel eine Stunde früher erreichen können. Auch war die Fahrt durch Österreich und Lichtenstein sowie die Schweizer Route ab Chur sehr langsam.

Ein Einschub bzw. an dieser Stelle eine Anmerkung: Alles, was während der Tour mit Akkus betrieben wurde, hatte nach und nach dank der frischen Temperaturen versagt. Es gibt kaum Bilder, kein Höhenprofil und andere Detaildaten. Durch die exakte Vorplanung und Abschätzungen über die Uhrzeiten und Zeitdifferenzen konnten die Daten dennoch ganz gut rekonstruiert werden.

Bilder und Daten sowie Beschreibungen der Pässe und deren Umgebung können bei Pässearchiven (z.B. quaeldich dot de oder auch montivagus dot de) eingesehen und angeschaut werden - wer halt möchte.

Im Verlauf des Berichts verweise ich auf Landkarten, die auf Basis von Satellitenbildern erstellt wurden. Dieser Dienst hat mir enorm geholfen, eine Vorstellung über das Gelände und anderer Dinge zu erhalten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Landkartenausschnitte hier verlinken darf. Die Terms and Conditions der Nutzungsbedingungen klingen mir etwas zweideutig. Bevor ich mir einen der allseits beliebten Abmahnanwälte an die Backe nagle, lasse ich es lieber bleiben.

Es geht auch so: Wenn man einen beliebten Suchdienst aufruft und dort einfach 'Disentis' eingibt, wirft die Suche als ersten Treffer den Verweis auf "Karte von Disentis/Mustér" aus. Einfach draufklicken und der hier nützliche Kartendienst mit Schweizer Domain erscheint. Dort kann man rechts oben in einem Suchfeld alle später genannten Orte eingeben und anschauen, was da so los ist. Standardzoomstufe ist 250 m. Das ist zu klein. Einfach rauszoomen. Ende Einschub.

Also zurück zur Vorbereitung der Küche. Gegen 22:30 Uhr war meine Ankunft in Disentis (Kartendienst), den Campingplatz wollte ich nicht mehr suchen bzw. fand kein entsprechendes Hinweisschild. In der Nähe der Sportanlagen gab es einen ebenen, abgelegenen Stellplatz und dort bereitete mein Nachtlager im Multipla vor. 189 cm Körperlänge passen saugend diagonal hinten rein, wenn man vorher die drei Rücksitze zu Hause läßt. Das Rad fand Platz auf den Vordersitzen. Der Wecker soll um vier Uhr Morgens klingeln. Ab in den Schlafsack, ein in der Nähe rauschender Bach lullte mich sofort in den Schlaf.

Es ist vier Uhr! Raus aus den Federn. Ein Blick zum Himmel. Leicht bewölkt, kein Wind. Der Mond scheint noch hell genug, so dass ich keine Stirnlampe für meine Handreichungen benötige. Den Tacho raus an die Luft. Nach einiger Zeit zeigt er neun Grad an. Wie vorhergesagt.

Das allseits beliebte Sportlerfrühstück besteht aus Müsli mit Apfel und Schokotrunk, viel Wasser dazu. Kaffee gibt es keinen um diese Uhrzeit.

Rad und Zubehör ist schnell gerichtet, Für die erste Auffahrt reicht die Hella LED-Lampe, hinten eine blinkende Diode. Am Arm die Petzl Zipp, die MTB-Schuhe reflektieren an der Ferse. An Kleidung entscheide ich mich für die 3/4 Hose mit druntergezogenen Knielingen, Wollsocken, Windstoppersocken, MTB-Schuhe mit Korkeinlagen statt der Sporteinlagen (mehr Platz im Schuh, wärmer von unten), kurzes Netzunterhemd, Next-2-Skin Jacke, Kopftuch und dünne Fingerhandschuhe. In den Rucksack kommt die Weste, ein Trikot, Fingerhandschuhe zum Drüberziehen, kurze Handschuhe, ein Ersatzunterhemd und dünne Überschuhe. Ansonsten die Trinkblase mit zwei Liter Wasser sowie umfangreiche Nahrungsvorräte und einiges an Riegeln/Gel. Werkzeug auch und eine Luftpumpe. Am Rad noch eine kleine Trinkflasche mit dickerer Apfelschorle zur geschmacklichen Abwechslung. Ein Hinweis zum verwendeten Rucksack: Es handelt sich um ein No-Name Produkt aus dem Bereich des Einradfahrens. Der Rucksack ist sehr schmal geschnitten, dafür recht lang und es passt z.B. eine ganz normale Rahmenluftpumpe und eine Trinkblase rein. Nachteilig sind die recht schlecht laufenden Reissverschlüsse, ein Artikel für 15 Euro muss irgendwo einen Haken haben. Vorteile für mich sind die quietschgelbe Farbe, der Reflektorstreifen, die Möglichkeit, eine normale Luftpumpe mitzunehmen und zu guter Letzt die optimale Gewichtsverteilung auf dem Rücken und der gute, wackel- und rutschfreie Sitz auf dem Rücken.

Es ist angerichtet und um kurz vor halb sechs Uhr wird aufgefahren!

Die Amus Gueules wird zugunsten eines umfangreicheren Aperitiv fallen gelassen. Wo auch soll man sich in Disentis Appetit holen bzw. einrollen, wenn es nur rauf und runter geht?

Es beginnt die Auffahrt zum Oberalppass, laut Beschreibungen ist er ideal zum Einstimmen auf ein großartiges Menue. Die ersten zehn Kilometer laufen mit der vorher anhand der Marschtabelle entschiedenen Übersetzung 48/18 (5,59 m) locker dahin, die Strasse ist breit, hat fast Bundesstrassencharakter. Sparsame Bebauung, die Bahnanlagen der Oberalp-Furka-Bahn kann ich erahnen. Erste Steinbogenbrücken erheben sich in der frühen Dämmerung gegen den Hintergrund von Almwiesen. Wenn ich mich umdrehe und Richtung Chur - nach Osten - blicke, kann ich den ersten Lichtschimmer des neuen Tages erahnen. Kein Mensch weit und breit. Bei Sedrun (Kartendienst) fällt mir ein riesengroßer Parkplatz auf, danach geht es in ein Waldstück, Strasse und Bahntrasse verlaufen direkt nebeneinander. Ich spüre, dass es langsam ernst wird. Die Übersetzung passt perfekt, freue mich über die gut getroffene Einschätzung für die nächsten etwa zwölf Kilometer.

Der Talschluss ist karg, Kühe auf den Weiden, einige sind schon auf den Beinen und ihre Schellen stellen die ersten Geräusche das Tages dar. Ein Auto überholt mich, von oben kommt auch ein Wagen, ich kann anhand des weit schwenkenden Lichtkegels ausmachen, dass nun die Kehrengruppe kommt. Wenige Abschnitte mit zweistelligen Prozenten gibt es, der Aufstieg rollt einfach gut, die Beine sind hervorragend. Das wird ein guter Tag!

Gegen 6:55 Uhr erreiche ich also die Passhöhe Oberalp mit einer Seehöhe von 2.046 m ü.NN nach 22 km und 870 hm. Es ist fast hell geworden, erste Wanderer und Hirten verlassen mit Ausrüstung ihre Autos. Ich lehne meinen halben Porsche an das Passschild und möchte fix ein Bild machen. Die Kamera reagiert trotz frischer Akkus nicht. "Wechseln Sie den Akku." heißt es lapidar auf dem schwarzen Display. Dem Ding ist kalt. Schade. Ich drücke auf den HAC4, um zu sehen, wie arg kalt es ist. Drei Grad sagt das Kästchen, danach fade out und es steht kurz noch "CICLO" im Display. Danach aus die Maus. Auch erfroren. Weg von den technischen Gimmiks hin zur Natur. Ja, es ist kalt - allerdings kein Wind. Schnell die Banane als zweites Frühstück verputzen, die Weste über die Jacke, das zweite Paar Fingerhandschuhe drüberziehen und die Brille auf. Der Stausee spiegelt die gelbe Beleuchtung aus der Gallerie wieder, es sieht aus wie an einer Seepromenade.

Rauf auf's Rad. Zehn Kilometer Abfahrt im ersten Tageslicht hinunter nach Andermatt warten auf mich. Es ist mehr als ausreichend hell, um es laufen lassen zu können. Nach ganz kurzer Zeit merke ich, wie ich mir mit den zitternden Zähnen unkontrolliert auf die Lippen schlage. Das ist schlecht. schnell das Halstuch nach oben gezogen und eine Lage Stoff zwischen die Zähne als Beissschutz. Es ist einfach brutal kalt, der Fahrtwind schneidet mir ins Gesicht. Der Kurvenverlauf ist herrlich, breit, kein Verkehr, ich kann die Kurven optimal anfahren. Keine Ahnung, wie schnell. Egal - es ist nicht wichtig. Ich merke, ohne Tacho fahre ich die Kurven brutaler an als sonst, bremse direkter, aggressiver, die Hinterhand wird leicht, den Hintern hinter den Sattel - es läuft einfach. Die Bahnanlagen winden sich elegant mit mir mit. Unten bin ich um viertel nach sieben Uhr, also ein Abfahrtsschnitt von 40 km/h. Das freut mich, in der Marschtabelle bin ich von einem Abfahrtsschnitt niedriger als 40 km/h ausgegangen.

In Andermatt (Kartendienst) sitzen Leute in ihren Hotels und frühstücken, erste Wanderer sind unterwegs, eine Kutsche begegnet mir. Die Einkaufsmöglichkeit hat noch geschlossen, ich hätte schon gerne neue Batterien für die Kamera. Warten lohnt nicht, zumal ich friere wie ein Schneider. Zwei dick eingemummelte Radler begegnen mir, sie wollen wohl auch den Oberalp rauf, ich muss sagen, die eben abgefahrene Westseite wäre jetzt nichts für mich als Auffahrt. Einfach zu steil für den jungen Tag.

Ich verlasse Andermatt Richtung Realp, es geht zunächst sanft bergauf, als Übersetzung habe ich 48/19 (5,29 m) gewählt. Die Strasse verläuft schnurgerade, rechts ein Flußlauf, danach tolle frischgrüne Weiden, Kühe, Schafe, Steinbrocken, einzelne Holzhäuser, dann der Blick hoch in die Bergflanke nach Norden. Irrsinn, einfach überwältigend schön. Ich kann mich zu dieser frühen Stunde nur zu dieser Tour beglückwünschen. Es wird ein grandioser Tag und ein riesen Erlebnis werden. Ich bin jetzt schon restlos begeistert von dieser Natur. Platt ausgedrückt: Einfach ein Magazin für Modelleisenbahnfreunde aufschlagen. Es sieht in Natura genauso kitschig aus, wie dort abgebildet.

Um halb acht Uhr bin ich in Realp (Kartendienst).

Es kommt der nächste Gang - hors d` oeuvre

Noch ein Einschub: Als Freund des Eingangradfahrens bleibt es nicht aus, dass man solch eine Runde mit einem Gang absolvieren möchte. Meine Spielregeln waren diese: Anhand des Kartendienstes und der Pässeindizes (siehe Marschtabelle) habe ich pro Auffahrt vorab definiert, welchen Pass ich mit welcher Entfaltung fahren werde. Alle Distanzen zwischen Pässen sowie Abfahrten werden mit meiner Klassikübersetzung 48/19 gefahren. Somit klärt sich auch die Analogie zur Gastronomie. Ein Gang nach dem anderen. Ende Einschub.

Also einen Gang einlegen. 48/19 hatte ich mir überlegt. Der kommende Furkapass ist laut Index etwas schwerer als der Oberalp. Die Entfaltung halt etwas leichter wählen. Soweit die Theorie. Was bedeutet "etwas"?

Es ging los, laut der Hinweistafel am Ortsausgang von Realp hatte der geneigte Radler nun 13 km und 890 hm vor sich. Schnell rechnen, die Originalmarschtabelle sah eine durchschnittliche Aufstiegsleistung von 750 hm/h vor. Das wäre demnach eine Stunde und elf Minuten, die ich einzuhalten hätte. Mangels Tacho bin ich nach Gefühl losgestapft, als ob es kein Morgen geben würde. Die erste Steilstufe mit ihren Kehren bedient einen gleich mit elf Prozent auf längeren Stücken. Diesen Abschnitt habe ich mit konzentrierter Arbeit verbracht, für die Natur war nichts übrig. Nach der Stufe dann der Blick zurück nach Realp und Andermatt, die ersten vorsichtigen Sonnenstrahlen fanden ihren Weg über das Gotthardmassiv. Ist das schön!

Jetzt war wieder etwas Zeit für einen Blick auf Vögel, Schafe und Kühe und Landschaft, spektakulär war auch der tiefe Blick in den links befindlichen Taleinschnitt, in dem die Furkabahntrasse ihren Platz gefunden hat.

Ab der Poststation Tiefenbach (Kartendienst, noch 4,5 km und 330 hm bis zum Pass, ca. 7% Schnitt) Eintritt in die Vorhölle für mich. Es schaut flach aus, ist es aber wohl nicht. Ich hätte in dem Moment was um die drei Prozent Steigung geschätzt. Wie man sich irren kann. An zwei Rampen habe ich bald die Kurbel nicht mehr rumgekriegt. Aber, wo ein Wille, da ist auch ein Weg. Die Finger blieben weg vom Schalthebel, nur keine schwäche Zeigen. Schmerzen sind schön, wenn sie nachlassen. Es war eine Qual, das letzte Stück. Dafür Sonne von hinten, Blick auf die Almabtrieb, Hirten und Herden und natürlich herrliche Blicke auf die umliegenden Berge. Nur wollte dieses verflixte Furka Hotel nicht näher kommen, diese elende Bruchbude. Wenn ich Gegenwind gehabt hätte (es war noch immer windstill), ich wäre an einer Stelle einfach umgefallen, da bin ich mir sicher. Mein gewählter Gang war einfach grenzwertig oder ich hatte unten zuviel Gas gegeben?

Um acht Uhr vierzig erreichte ich die Furkapasshöhe (2.436 m ü.NN) - die vorgegebene Marschzeit war eingehalten. Das dies eine durchschnittliche Zeit sein soll, das ist ja wohl ein Witz! Ich war zunächst mal platt. 750 hm/h sind über den Tag im Schnitt nicht zu halten. Keine Chance. Was war am Oberalp? Da habe ich für 870 hm etwa anderthalb Stunden benötigt. Lediglich 580 hm/h, jedoch waren die ersten Kilometer sehr moderat und somit passt die Rechnung nicht vernünftig. Für die weiteren Schätzungen wird mit 650 hm/h gerechnet, so mein Entschluss.

Auf jeden Fall: Da oben war es wolkenlos und wirklich sackkalt. Sowas von kalt. Und öde. Das gibts gar nicht. Einen Riegel verputzen, eine Karotte hinterher, Windweste, Handschuhe und Halstuch wieder an und diesmal noch die Armlinge über die Jackenärmel. Schaut zwar furchtbar aus, aber wen soll das stören?

Ich schwinge mich um fünf Minuten vor neun Uhr auf mein Rad, um nach Gletsch (Kartendienst) abzufahren, da kommt mir ein Radler aus Richtung Gletsch entgegen. Er ruft mir zu, dass ich bescheuert bin, jetzt in diesen Kühlschrank hinunter fahren. Was weiß ein Fremder? Wird schon nicht so arg werden.

Nach wenigen Augenblicken - so kommt es mir zumindest vor - bin ich am Hotel Belvedere. Direkt am Rhonegletscher. Ich halte kurz an und werfe einen Blick auf die Gletscherzunge und die sichtbaren, abgeschliffenen Gesteinswelten. Faszinierend. Leider auch kalt. Ein unwirklich eiskalter Luftzug weht mir entgegen. Ich sitze wieder auf und fahre ein paar Kehren mit einigen Sonnenstrahlen bergab. Dabei nach jeder Kurve den Blick auf den Grimselaufstieg geheftet. Den Touristen in seinem Golf hole ich trotzdem leicht ein. Unten die brausende Rhone und gegenüber die Kehren des Grimsel. Von dort oben komme ich bei der großen Version der Tour runter. Ich bin beeindruckt. Dann verläuft die Strasse fast am Fuß der Felswand im Schatten. Es ist irrsinnig kalt, ich fahre zwangsläufig Schlangenlinien, ein sauberes Halten der Linie ist mir nicht möglich, ich friere...

Um 8:55 Uhr sind die elf Kilometer Abfahrt bis Gletsch (Kartendienst, ganz weit reinzoomen) mit einem moderaten Schnitt von 33 km/h erfolgt. Unten besteht Gletsch aus dem Bahnhof und ein paar Häusern, einheimische grüßen mich freundlich und lachen mit mir um die Wette. Diesen Ort muss man sich vorstellen wie wenn man als Floh unten drin in einem Sektkelch hockt und ringsum nur gigantisch hohe Kelchwände hat. Wann hat gibt es da unten mal Sonnenstrahlen? Gefährlich ist die Bahntrasse, die die Strasse im Bahnhofsbereich schräg schneidet - Vorsicht!

Um 9:15 Uhr halte ich unterhalb von Gletsch an einem kleinen Restaurant in einer Kehre, die Sonne scheint auf die Hauswand, davor befinden sich Sitzmöglichkeiten. Die Verlockung einer Pause mit Kaffee und Apfelschorle und Croissonts ist zu groß. Ich möchte mich aufwärmen in der Morgensonne. Sitze vor der sonnenbeschienen Wand und zittere noch einige Minuten vor mich hin. Dann mal daheim bescheid sagen, dass alles bestens ist und ich lasse mir meine Sachen schmecken. Dabei sehe ich Reiseradlern zu, die sich schwer bepackt im kleinsten Gang schwer bepackt Richtung Bahnhof Gletsch kämpfen. Wo geht es hin? Grimsel oder Furka? Jeder grüßt freundlich.

Wieder rauf auf den halben Porsche und die nächsten Kehren laufen wieder hervorragend, schön, wenn die Muskeln nicht mehr zittern. Gegen zehn Uhr rolle ich in Oberwald ein (Kartendienst, Stichwort 'oberwald-vs') das Hinweisschild auf einen Supermarkt bringt den Wunsch nach Batterien nach oben, ich finde Batterien und an der Kasse bekomme ich gesagt, dass ich nicht mit Euro zahlen kann. Ach? Kein Problem, sagt die freundliche Kassiererin. Gehen sie zur Käsetheke. Dort wird man ihnen wechseln. Komisch, oder?

Ab jetzt wird es endlich Bilder geben und ich halte auf dem Weg nach Ulrichen kurz an, um den Rhonegletscher und die Gegenrichtung des Goms festzuhalten.

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Releve - Ist der Nufenen nun eine große Vorspeise oder doch das Hauptgericht?

Um etwa halb elf Uhr verlasse ich Ulrichen (Kartendienst), nach zwei Kehren und einem überholten Reiseradler halte ich doch noch an und wechsle die Kleidung. Die Auffahrt wird sonnig. Die Jacke verschwindet im Rucksack, genauso die langen Handschuhe und das Halstuch. Das rote Saeco-Trikot kommt aus dem Rucksack und darf auch mal was von der Gegend sehen, die Beinkleider bleiben, wie sie sind. Kurze Handschuhe noch und es geht wieder los. Der Reiseradler hat mich wieder eingeholt.

Die Auffahrt zum Nufenen wird ungefähr ein Drittel schwerer eingestuft als der Furka. Deswegen die Entscheidung, für diesen Abschnitt eine Entfaltung von 3,75 m zu wählen (34/19). Es geht in einem Einschnitt bergwärts, nur im Unteren Bereich sind einige Kehren. Bald nervt mich ein Knacksen im Bereich der Kurbel, war bisher noch nie gewesen. An der Stelle, an der die gute Strasse den Bach auf die linke Seite quert halte ich kurz an, mache Bilder und prüfe Kettenblattschrauben und Kurbelschrauben. Nichts locker, vielleicht fehlt der Kette etwas Öl? Soll es halt weiterknacksen.

Das Geräusch geht dann sowieso unter. Erste motorisierte Zweiradler tauchen auf. Müssen die so einen Krach machen? Haben die alle keine zugelassenen Auspuffanlagen? Es treibt mir Gänsehäute auf den Rücken. Was weiß ich, was diese Kamikazefahrer hinter mir treiben. Ich wünsche jedem der Freunde, dass ihnen oben auf der Passhöhe der Lenker an den Händen kleben bleibt.

Ein paar Mal halte ich für einen Fotostop.

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Die Ausblicke sind einfach unglaublich. Es gibt fast keine Wolken, es ist so gut wie windstill - traumhaftes Panorama!

Um viertel nach zwölf Uhr erreiche ich die Passhöhe des Nufenen mit 2.478 m ü.NN (Kartendienst mit Stichwort 'novena') nach 14 Kilometern und 1.130 Höhenmetern in einenhalb Stunden Fahrzeit. Nicht schlecht, das sind 750 hm/h wie geplant. Die Übersetzung war über weite Strecken optimal, in der oberen Kehrengruppe durfte ich kurzfristig etwas leiden.

Die Passhöhe ist karg, die Motorradfahrer haben sich um ihre Geräuschmonster versammelt. Ich setze mich an die geschützte Hauswand des Restaurants und packe meine Brotzeit aus. Mittagspause mit Karotte, Apfel, eineinhalb Brötchen und Wasser. Das schmeckt! Mit einem Berner Radler komme ich ins Gespräch. Er erklärt mich für verrückt, als ich ihm meine Route beschrieben hatte. Ich ihn ebenfalls. Er stand nämlich in Sommerschuhen und Socken da und war voll der Freude ob der kalten Zehen, die er sich gleich abholen wird auf der Abfahrt.

Ab hier gibt es wieder keine Bilder, die Kamera ist erneut wegen Kälteschock ausgefallen. Toll.

Nach einer halben Stunde Müßiggang und Panorama und Touristenschauen beginnt um 12:45 Uhr die vierundzwanzig Kilometer lange Abfahrt nach Airolo. In der Sonne! Die Jacke und Fingerhandschuhe sind trotzdem notwendig, aber die Weste und das Halstuch kann ich weg lassen. Leider besteht die Strecke aus Betonplatten, die teilweise Längsrisse haben, in die ein Fahrradreifen passt. Nicht ganz ungefährlich. Unten bin ich in weniger als dreissig Minuten, was etwa 50 km/h Schnitt bedeutet. Einige Autos konnte ich locker überholen und im flacheren Schlussteil nach den Kehren hat mir ein Auto freundlicherweise seinen windschatten angeboten, so bin ich fast ohne treten nach Airolo gekommen. Immer wieder fällt mein Blick auf die Trasse des St. Gotthard Aufstiegs. Das wird auch noch ein Kandidat für die lange Tour.

Also um 13:15 Uhr am Bahnhof von Airolo (Kartendienst). Ich packe die warme Kleidung weg und freue mich wieder an der Sonne auf den nackten Armen.

Hier bietet sich ein entree chaude an

Zwischen Airolo und Biasca verläuft die Route auf 37 Kilometern stetig bergab, es gehen dabei ca. 875 Höhenmeter verloren! Stellenweise gibt es ein paar kurze Hügelchen, nichts von Belang. Wer die SS 12 in Norditalien zwischen Brixen und Bozen kennt, der kann sich jetzt prima vorstellen, wie der Abschnitt aussieht. Im engen Einschnitt teilen sich die Autobahn, die gut ausgebaute und verkehrsarme Hauptstrasse sowie Bahn und Flußbett den Platz und verschieben ihre Trassen ständig hin und her. Es sieht richtig italienisch aus, ich bin im Tessin, das ist schon passend vom Eindruck her.

Der leichte Gegenwind macht nichts aus, Unterlenkerhaltung und hohe Trittfrequenz bei 48/18 lassen gute Laune aufkommen. Ich fühle mich gut erholt und tatendurstig. Etwa 115 Kilometer und ungefähr 3.000 Höhenmeter sind absolviert. Es ist herrlich warm, einige Schleierwolken sind am Himmel zu sehen. Das Auge kann sich umtun, es ist kein Verkehr. Es ist Mittagspause und Siesta. Die nächsten Kilometer dienen also der weiteren Erholung, oder?

In Faido (Kartendienst, ca. 20 km vor Biasca) plötzlich ein äusserst unfreundliches Krachen im rechten Pedal. Ein Blick nach unten: das Pedal ist nach aussen verschoben, ist eventuell die Schraube locker? Ich halte an, ziehe das Multitool raus und will die Schraube wieder festziehen. Es gibt nichts festzuziehen. Die Schraube ist glatt durch, sämtliche Innereien dieses wundervollen Stück Technik japanischer Ingenieurskunst sind perdü. Es hat wohl seinen Lagerinhalt auf die Strasse gewürfelt und teilt mir unmissverständlich mit, dass die Schraube einfach abgeschert ist. Das ist nicht lustig, liebe Japaner.

Bis Biasca geht es tendenziell noch knappe zwanzig Kilometer bergab. Erstmal nicht so tragisch, das kann ich auch mit der Pedalleiche am rechten Schuh meistern. Locker pedalieren halt, kein Druck und immer schön den Fuß Richtung Tretlager drücken. Was für ein Krampf.

Die nächsten Minuten gewöhne ich mich an ein rhythmisches "Klack, Knirsch, Klonck" und ich merke recht bald, dass das linke Bein die Arbeit machen muss und der rechte Stelzen nur zur Zierde mitfährt.

In einer Kurzpause esse ich ein Brötchen sowie eine Karotte und versuche, direkt auf der Achse des Pedals zu pedalieren. Geht nicht. Also wieder den traurigen Haufen Aludruckguss an den Fuß geklickt und auf die Achse geschoben.

Alle Ortschaften bis Biasca haben noch Mittagsruhe, meine Gedanken kreisen um das, was noch kommen wird. Ab Biasca geht es von 301 m ü. NN hoch auf 1.972 m ü. NN. Oder anders, 1.640 Höhenmeter auf etwa 43 Streckenkilometer. Davon die letzten 20 Kilometer mit bis zu acht Prozent. Wie soll das gehen? Besser gesagt, wie soll das fahren?

Hauptgericht mit Beilagen

Gegen fünfzehn Uhr erreiche ich den Einzugsbereich von Biasca (Kartendienst), trotz der seltsamen Fahrerei nur 1:45 h benötigt und somit einen lockeren 29er Streifen. Vor dem Städtchen sieht man die gigantische Baustelle für einen Gotthardtunnel. Beeindruckende Technik steht und fährt da rum, eine Blaskapelle macht beim Besucherzentrum Musik - scheinbar gibt es was zu feiern.

In Biasca wachsen Palmen und es hat in der Sonne über 30 Grad. Ich halte kurz an und ziehe die Windstoppersocken aus. Die Übersetzung lege ich für die nächsten gut 40 Kilometer auf 34/17 (4,19 m) fest. Das wird im Flachen ersten Teil wohl recht langsam voran gehen, aber ich habe keine andere Wahl. Ich muss Kraft sparen und kann nur locker rechts mittreten.

In den folgenden Orten sehe ich keinen Radladen, was soll ich machen? Ein Taxi rufen? Mit einem Bus mitfahren? Es wird langsam wirklich eng für mich, steilere Rampen sind fast nicht mehr fahrbar. Der Hintern tut weh, es fehlt einfach der entlastende Gegendruck. Zudem habe ich kein Wasser mehr und die vielen Dorfbrunnen sind alle trocken oder machen keinen guten Eindruck.

Erst in Aquila bekomme ich eine Nachfüllmöglichkeit, das ist gut so, denn mittlerweilen ist es in dem Tal drückend schwül. Oder kommt mir das nur so vor? Ich sehne mich nach den frischen Temperaturen des Vormittags. Wie hoch über Meereshöhe bin ich überhaupt?

Meine Entscheidung ist: Wenn vor Olivone kein Ersatz für das Pedal möglich, warte ich in dem Ort auf den Bus oder lasse ein Taxi kommen.

Es ist vier Uhr Nachmittags, ich erreiche das hübsche Örtchen Olivone (Kartendienst). Die Nachmittagssonne taucht die Häuser in wundervolles Licht. Ich bin kurz von meinem Problem abgelenkt und schaue mich um. Bis hoch zum Lukmanierpass sind noch ungefähr 20 Kilometer mit Rampen bis acht Prozent und Summa Summarum 1.080 Höhenmeterchen zu bewältigen. Danach würde es fast nur noch bergab gehen. Blos erstmal hoch kommen, auf den Buckel, den lausigen.

Kurz bevor die Fahrbahn den Fluß Brenno nach links überquert sehen meine trüben Äugelein ein Sportgeschäft. Fahrräder stehen davor! Ja was? Ich werde nicht etwa Glück haben? Tatsächlich. Nach grob 600 hm mit dem defektem Pedal stehe ich wirklich kurz vor der zwingenden Aufgabe vor einem Radladen. Und der hat offen. Teilweise Erleichterung macht sich breit, der Rest wird sich lösen lassen. Und wenn ich auf Pedalen, die für ein Einkaufsrad gedacht sind, nach oben eiere.

Die Verkäuferin kann weder deutsch bzw. nur ein paar Brocken und mit Englisch ist es auch nicht weit her. Ich klicke das kaputte Pedal vom Schuh, zeige ihr das Problem und nenne die allseits bekannten Buchstaben SPD. Sie zeigt mir diese Halb-und-Halb-Pedale von Shimano und Wellgo. Ich lehne ab, so einen Stadtradmurks will ich nicht kaufen, habe ich daheim in reichlicher Anzahl verbaut. Das muss besser gehen. Sie ruft Ihren Mann von der anderen Strassenseite aus dem Cafe und nach einigem Hin und Her lasse ich mir Ritchey MTB-Pedale montieren, Rennradpedale mit SPD hat er nicht. Ein wenig feilschen ist auch möglich. Er fragt mich, was ich für eine Runde fahre. Nach meiner Schilderung ist er etwas baff und senkt den Preis nochmals. Fein, fein - da sind die Schmerzen im Geldbeutel etwas erträglicher. Nach einem klitzekleinen Problemchen mit dem Plastikgeld (wollte nicht mehr aus dem Kartenleser raus, das Ding) konnte ich nach etwa 20 Minuten mein Pferdchen wieder besteigen.

Es wird Zeit für das Dessert

Weiter geht es! Diese Uhrzeit hat sich mir eingeprägt. Um 16:20 Uhr trete ich an, die Pedale passen, keine Änderung der Härteeinstellung nötig, ich fühle mich Wie neugeboren, es gibt wieder gleichmässigen Druck ohne Ende - ich schiesse sprichwörtlich nach vorne!

Verlasse dann die Ortschaft, am Schattenhang ziehen sich ein paar langgezogene Kehren nach oben, noch etwas Bebauung, dann verschluckt mich der Wald. Dreimal gibt es Kurzstops an Brunnen zum Wasser bunkern. Warum habe ich Durst wie ein Stück Vieh? Trotz der herrlich frischen Temperaturen fahre ich immer noch kurzärmlig und ohne die Knielinge. Die Landschaft ist nicht sonderlich abwechslungsreich, viel Wald und das Umfeld erinnert mich ein wenig an die Auffahrt zum Gampenjoch in Südtirol.

Vor der ersten Galerie habe ich dann doch schnell die Jacke angezogen, Licht montiert und den Rest vom Brötchen gegessen. Bei Aquacalda (Kartendienst) habe ich ein Verlangen nach einer Cola, nur bekomme ich keine... Ich drücke mir ein Gel rein und spüle am nächsten Brunnen mit frischem Wasser nach.

Die letzten Kilometer sind eine einzige Qual, trotz der fantastischen Landschaft. Es ist nicht wirklich steil, vielleicht drei Prozent oder so. Bin trotzdem froh, dass ich um 18 Uhr den Stausee vor mir sehe. Eine kleine Gemeinheit gibt es noch, in der ca. zwei Kilomter langen Lawinenschutzgallerie, die parallel zum Stausee verläuft, sind noch fünfzig Höhenmeter versteckt.

Etwa 1.700 hm habe ich nun hinter mir, das hat sich gewaltig gezogen. Die Übersetzung von 34/17 war gut, am Schluss hat es gerade so gepasst. Es ist windstill, keine Wolken sind am Himmel, es ist schattig und schon wieder ordentlich kalt.

In der Gallerie ist ein Höllenlärm, die Autos gehen noch, aber eine alte XT 500 bullert durch und an mir vorbei. Mir zaubert es wieder eine Gänsehaut auf den Rücken. Unangenehm... Nach der Gallerie geht es bergab, leider besteht die breite Trasse aus Betonplatten, das schüttelt ganz schön bei dem hohen Tempo. Ich muss nochmals kurz anhalten, es ist zu kalt in den dünnen und kurzen Handschuhen. In der Kehre steht ein kleines Häuschen, davor ein Brunnen und ein Handtuch und Seife liegt dort. Da wohnt wohl jemand und wäscht sich in dem eiskalten Wasser. Mich friert es gleich noch ein bisschen mehr.

Dann folgt eine irrsinnig schnelle und eiskalte Abfahrt über etwa zwanzig Kilometer, unten errechne ich einen Abfahrtsschnitt von etwa 50 km/h. Ohne die Betonplatten könnte das noch besser gehen.

Ganz am Schluss baut sich noch ein netter Schlussanstieg vor Disentis auf. Wenn ich meine Unterlagen besser im Kopf gehabt hätte, hätte ich gewusst, dass nochmal zwei Kilometer mit acht Prozent kommen. Ich war etwas überrascht. Andererseits kam durch den Anstieg mit der Übersetzung 48/19 wieder Wärme in meine Glieder. Wurscht, das Ding einfach durchdrücken, auch wenn es weh tut.

Im Ort habe ich die leichte Steigung bis zum Auto auch stoisch ertragen, eh schon egal.

Um ca. 18:40 Uhr war meine Rückkunft am Auto und ich war zufrieden, sehr zufrieden mit mir.

Das Rad habe ich ins Auto geworfen, in den Klamotten, so wie ich war, rein in die Kiste, Heizung an und Richtung Oberalppass rausgefahren. Ich wollte den Streckenteil bis Sedrun noch im Tageslicht sehen - war neugierig auf das, was ich morgens nicht sehen konnte.

In Sedrun bin ich auf den großen Schifahrerparkplatz und habe mich eingerichtet. Zunächst zwei Joghurt, eine Dose Fisch, eine Packung Kekse, einiges an Getränken verputzt und getrunken. Dann Wäsche im Rahmen der Möglichkeiten, die ein Wasserkanister so bietet.

Im gegenüber befindlichen Restaurant gab es noch eine größere Menge Schnitzel und ein Bier dazu und anschliessend war um neun Uhr das Licht aus. Kuhschellengebimmel und der Beat einer nahe gelegenen Disko haben mich in den Schlaf begleitet.

Sonntags dann bin ich gegen sieben Uhr von selbst aufgewacht, die ersten Sonnenstrahlen waren schon zu sehen und ausgeruht ging es raus aus Schlafsack und Auto. Nach einer Kanisterwäsche bei vielleicht fünf Grad war ich vollends hellwach.

Kurz nach acht Uhr der Start nach Hause. Leider erst um 17 Uhr zu Hause angekommen. Es war eine wirkliche Tortour auf der A96 und A7. So gut wie kein längerer Streckenabschnitt ohne stockendem Verkehr oder sogar Stau. Das hat mir einiges an Erholung und Nerven gekostet.

Was bleibt noch festzuhalten?

Meine Fitness am Tag danach: perfekt. Keine Zipperlein. Die ursprüngliche Nettoplanung habe ich lediglich um etwa eine halbe Stunde verpasst. Alle Abfahrten konnte ich wesentlich schneller als kalkuliert durchführen. Die Auffahrten dagegen etwas zäher, vermutlich lag das aber am eingängigen Ansatz. Die Abfahrten waren breit, guter bis mittelguter Belag und ungefährlich. Lediglich das Bahngleis bei Gletsch und die Nufenenostseite mit teilweise Längsrillen im Belag ist etwas mit Vorsicht zu befahren.

Das 2006er Vorhaben, Oberalp, Furka, Nufenen, Gotthard, Susten, Grimsel, wieder Furka und nochmal Oberalp von Disentis aus an einem Tag zu bewältigen, ist somit in greifbarere Nähe gerückt. Das ist zu schaffen.

Montag, 05.09.2005

Vorbereitung auf die "Claudius-Tour"



Da im September ein klitzekleiner Alpenspaß stattfinden soll, der auf einer Idee eines gewissen Claudius, der leider nicht mehr unter den Lebenden weilt, basiert und mir das dafür nötige Wissen in Bezug auf die Alpenpassfahrerei noch fehlt, wurde der Urlaub so gestaltet, dass ich mir den Mendelpass mit Stich hoch zum Penegal sowie den Stelvio dafür ausgesucht hatte.

Der Mendel deswegen, da ich nur wenige Meter davon entfernt in Kaltern Quartier bezogen hatte und somit alles recht einfach war. Der Buckel (na gut, es sind inkl. Penegal auch ca. 1.300 hm am Stück gewesen) sollte mir zum Technikcheck (Übersetzung, Bremsen) und Einrollen dienen. Start war um Schlag sechs Uhr und etwa anderthalb Stunden später war ich auf dem Penegal und hatte eine grandiose, wolkenlose Dolomitenaussicht und eine völlig einsame Strasse.

Auf der anderen Seite bin ich dann an Fondo vorbei im Nonstal runter bis nach Mezzolombardo und im Etschtal auf der Weinstrasse wieder rauf nach Kaltern. Eine herrliche Runde, wenn man mal den Berufsverkehr in Mezzolombardo weg läßt.

Vor dem Urlaub hatte ich am Renner neue Bremsbeläge montiert (Geschenk und Empfehlung von jemandem, der sich eigentlich mit den von mir verwendeten Felgen auskennt) und diese auf der Abfahrt vom Penegal das erste Mal benötigt. Mir ist zum Einen bald das Herz in die Hose gerutscht, als es auf einem der 15% bis 18% Stücke kaum gebremst hatte und zum Anderen der Zorn ins Gesicht gestiegen, nachdem nach den gut 300 hm bergab schon Aluabrieb oben auf den Belägen lag! Das Geräusch ähnelte auch eher einer Feile als einem Bremsgummi. Die nun folgende Abfahrt war vom Bremsen her unproblematisch, die Strasse war mir bekannt und um die frühe Uhrzeit war eh nichts los. Also war die Devise, so wenig wie möglich zu bremsen, und wenn, dann nur dezent hinten. Da war es irgendwie nicht ganz so schlimm mit dem Abrieb und Geräusch.

Am selben Tag noch in Kaltern einen Cannondale-Laden (wohl der einzige Radladen im Ort) aufgesucht und für schlanke 24 Euro (d.h. mal eben 37% teurer als bei meiner Stadtapotheke) vier DA-7800er Klötzchen besorgt. Sicherheit geht vor. In der Ferienwohnung erstmal die Felgen gereinigt und überschliffen und die Klötze montiert. Testfahrt im Ort. Eine himmlische Ruhe und astreine Bremsleistung. Zukünftig nur noch diese Klötze.

Für die Tour zum Stelvio musste ich leider (dachte ich zunächst, dass es schade ist) das Auto bemühen und die 80 km ins Vinschgau nach Prad fahren. Um vier Uhr aufstehen, Zeug fertig und was essen, dann um fünf Uhr rum ins Auto und was ist? Regentropfen auf der Scheibe! Na gut, vielleicht sieht es im Vinschgau anders aus. Kein Verkehr auf den Strassen, Bozen und Meran war schnell passiert, dann wurde es irgendwann immer enger und buckliger und ich war schon jetzt überzeugt davon, dass die Anreise per Rad (egal auf welcher Route) eine bescheuerte Sache gewesen wäre. Nix für ungut, aber alle, die mir diese Strecke als sinnvoll fahrbar beschrieben haben, haben da wohl eine ganz andere Route im Kopf gehabt. Später, bei Tageslicht betrachtet, hat sich das dann nochmals bestätigt.

Rechts am Rand ein Hinweis, dass Reschenpass und Stilfser Joch offen sind. Fein. Aber was ist mit dem Steinschlag? Na - den werden sie schon beseitigt haben?

Irgendwo vor Schlanders: Schild. Stelvio geschlossen. Hä? Was'n nun los? Egal, ich fahre trotzdem hinter, wird sich schon eine Lösung ergeben.

Um kurz nach sechs Uhr stelle ich das Auto am Parkplatz gegenüber dem Hotel Prad ab und sitze um etwa halb sieben Uhr auf dem Rad. Direkt vor dem Hotel ist der Startstrich von www.zeitfahren.net markiert. Für die, die es noch nicht wissen: Der Code lautet hier 248. Hat mich nicht weiter interessiert, ein Zeitfahren war nicht geplant.

Gleich nach dem Hotel eine lustige Schranke quer über die Strasse. Gesperrt für Fahrzeuge, Fußgänger und Radfahrer. Och was dann? Ich lese was von Zeitfenstern usw. aber habe nur mit halbem Auge hingeguckt. Wurschtegal, ich will da hoch und in Italien hat ein Gesperrtschild nicht immer die Wirkung wie bei uns. Also mal einen auf italienisch machen. Das Wetter war zudem astrein, es deutete sich ein wunderschöner, wolkenloser Tag an. Die Temperatur am Start betrug etwa zehn Grad.

Also, los - die Herausforderung wartet!

Etwas ungünstig war, dass ich quasi mit kalten Beinen in die ersten Kilometer gehen musste und leider ist es gleich nach dem Ort schon so stark ansteigend, dass mit locker einrollen nichts zu machen ist. Ich entschied mich, 34/21 zu ketten (Heldenkurbler müssten analog 39/24 verwenden) und das dann bis oben hin beizubehalten, dickere Gänge habe ich mir natürlich stellenweise erlaubt.

Parallel zum Bach war es kalt, laut und halt einfach noch alles etwas unrund.

Gelegentlich kam mir ein Auto entgegen, selbst überholt wurde ich während der ersten Stunde lediglich zweimal von Baustellenfahrzeugen. Vielleicht basteln die noch an den Resten vom Steinschlag? Nach Gomagoi dann wieder eine lustige Sperre, es war etwa viertel nach Sieben und mir kam ein Auto entgegen und ich war der Meinung, dass ich dann logischerweise auch fahren kann. Etwas nach Gomagoi dann quer über die Strasse ein dicker Bagger mit einem Bauarbeiter drin, nach rechts zweigte der Neubau einer Galerie ab. Er winkte mir, dass ich in die Galerie fahren soll. Bin gleich abgestiegen, da mir die vielen Metallreste usw. nicht geheuer waren. Der Belag war gröberer Schotter. Durchgeschoben bis zur Hälfte und Fotos vom Steinschlag und der Galerie gemacht.

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Gleich nach der Galerie wird die 48. Kehre angezeigt und auf'm Teer hat sich www.zeitfahren.net mit dem Code 348 für die Distanz über alle Kehren verewigt. Wer mag... Im Wald war es kühl, den eigenen Atem konnte ich gut sehen und die ersten Blicke auf das gigantische Panorama konnte ich erhaschen.

Meine Entscheidung, beim Aufstieg wenige Bilder zu machen, und lieber bei der Abfahrt öfter mal zu stoppen und Eindrücke festzuhalten, war zwar für den Moment praktisch, denn so konnte ich schön meinen Rhythmus beibehalten. Leider dann später ein Fehler.

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Vor mir tauchte dann ein MTB auf, darauf eine Frau, die sich für recht sommerliche Kleidung entschieden hatte. Selber hatte ich Armlinge, knielange Hose, Trikot, Weste und Fingerhandschuhe an und fühlte mich bei den knapp zweistelligen Temperaturen im Schatten recht wohl damit. So unterschiedlich kann man sein. Bin an der Dame vorbeigerollt und ein Stück weiter der zugehörige Partner. Hier habe ich ihn bei einer Pinkelpause in Kehre 31 sogar erwischt.

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Er ist dann auch stehen geblieben und hat mich mal auf den Chip gebannt.

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Das man so eine Kehre nicht anfährt ist mir klar... Aber sonst wäre der Strassenverlauf nicht so schön zu sehen, sagte der Bildchenmacher und hatte mich in Richtung des Gullideckels dirigiert.

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Hier dann ein Blick mit dem Hotel Franzenshöhe. Ein Traum von einem Panorama und eine super Sache, all' die schönen Kehren vor sich zu sehen. Nur schade, dass der Spaß in ca. 6 oder 7 km schon ein Ende hat.

Ein paar Kehren:

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Im Bereich der letzten Kehren habe ich zwei Murmeltiere gesehen, das eine davon ist wie ein Hase auf der Strasse vor mir geflohen und hatte sich etwas dappig angestellt. War recht flott unterwegs das Viech, einholen konnte ich es jedenfalls nicht.

Etwas Fels:

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Ein paar Bauarbeiter, einer arbeitet, die anderen saufen in aller Frühe ein wenig Wein und reden über die Welt.

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Oben dann verhaltene Lebhaftigkeit:

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Ich hatte mir eine Bratwurst gekauft, eine Cola gesüffelt, ein Biberacher Moppedfahrer hat mich vor dem Passchild verewigt, dem ollen Coppi habe ich mal gedacht und siehe da, ein Langläufer auf dem Weg zum Training ist mir auch vor die Linse gehüpft.

Die zwei MTBiker kamen dann auch und der ehemalige Nationalparkleiter ist auch mit'm Radl hochgekommen. Macht er wohl öfter, so fit wie der ausschaut. Der Kerle ist (hat mir ein Bratwurststandbesitzter gesagt) für die Idee des Stelvio-Radtages verantwortlich gewesen.

Nach Klamottenwechsel wollte ich dann wieder abfahren nach Prad. Ätsch! Der Bratwurschtdantler wies mich auf den Zettel, der an der Sperre hing, hin. Da steht: Nächste Abfahrt nur Mittags. Super. Es war halbe Zehne oder so. Bis Mittag warten?

Die Alternative ist halt die Runde über den Umbrailpass und ein Stückchen Schweiz (Münstertal):

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Blick zurück in das Hochgebirge:

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Der Rückweg verlief wunderbar, die Umbrailabfahrt ist klasse, die Naturstrasse war trotz feuchter Stellen recht gut fahrbahr, nur die vielen Querrinnen taten mir und meinen Handgelenken schon mal weh. Über den Umbrail sind mir auch verhältnismässig viele Radler begegnet, Autoverkehr war so gut wie keiner.

Kurz vor Ende der Abfahrt stellte ein bergauffahrender Volvofahrer seine neue Karre noch in die Felswand, nachdem er sich wegen mir erschrocken hat oder was weiß ich. War ein häßliches kleines Geräusch, aber nicht mein Problem.

In Prad zurück war richtig Leben im Ort und mir ist sofort eine schnucklige Eisdiele aufgefallen, die ich dann nach Verstauen des Materials zum Abschluss noch besuchen wollte.

Am Parkplatz war ich dann gegen 11 Uhr, also wunderschöne viereinhalb Stunden in den Bergen und etwa 62 km Strecke. Höhenmeter irgendwas zwischen 1.800 und 1.900 hm.

Vor der Sperre am Hotel Prad sammelten sich nun etliche Radler und Moppedfahrer. Hatten wohl den falschen Zeitpunkt erwischt und trauten sich nicht weiter. Ich grinste mir eines, freute mich, dass ich mit meiner Zeitplanung und dem Zufall so toll über die Runden kam und gönnte mir einen riesen Humpen Milchkaffee sowie einen verflixt guten Erdbeerbecher. Mnjamm...

Mittwoch, 03.08.2005

Laktattoleranz



Der Arberradmarathon vom einundreissigsten.siebten.zwotausendundfünf


Nun mal wieder ein singlespeedy Bericht von einem Radmarathon, den ich erstmalig gefahren bin. Dafür habe ich sogar den geliebten Kuppenritt ausgelassen, wäre sonst etwas viel des Guten im Juli geworden. Die drei Wochen zwischen der Alpenüberquerung und dem Arber habe ich mit normalen Touren auf dem Milanetti absolviert und die Beine waren richtig gut und erholt, als es am Sonntag an den Start ging.


Wenn ich irgendwo hin fahre, dann regnet es. Diesmal genauso. Um vier Uhr in der Frühe hatte ich noch ein paar Handvoll Kilometer auf der Autobahn Richtung Regensburg zurück zu legen und es begann zu regnen, was das Zeug hielt. Meine Hoffnung, dass es in Regensburg wieder trocken sein könnte, war zwar berechtigt, aber das Wetter war anderer Meinung.


Noch war es dunkel, ich habe mich um halb fünf auf dem Dultplatz eingefunden, die ersten Mitfahrer wachten auf und bereiteten sich vor. In der Nähe der Startnummernausgabe gab es noch ein schönes Plätzchen für mein Auto und dann wurde ich halt auch langsam naß.


Immer mal ein paar Löffel vom vorbereiteten Müsli gespachtelt, etwas getrunken, dazwischen die Ausrüstung hergerichtet und überlegt, was ziehe ich an?


Schnell noch die Startnummer geholt und fertig gemacht. Um kurz vor sechs Uhr stand ich mit Knielingen, Armlingen und Windstopperweste als Ergänzung zum normalen Klamottenspektrum bei den anderen (Widu, espresso, Bluesteel, Guatemalteca, Anett etc.) Der Regen hat dann doch aufgehört und ich hatte mich noch fix von den Knielingen getrennt.


Die sicherlich zweihundert Meter bis vor zum Startbogen waren gerammelt voll mit anderen Radsportlern und Schlag sechs Uhr ging die Meute auf die Strecke. Wir waren ganz hinten und rollten langsam los.


Nach einigen Minuten auf Regensburgs Strassen kam dann von links eine Hand und die Worte "Ich bin der Heinz!". Ach? Dachte ich. OK, ich erwiedere und siehe da, der K.Roo ist es. Bekannt aus Funk und Film - Quatsch, ich kannte ihn bislang nur aus dritter Hand und das was ich da so gehört hatte, war respekteinflößend. Dreiländergiro Finisher als 78er und 8-facher Ötziteilnehmer usw. und so fort.


Zunächst mal wieder zurück zur Strecke. Ich war hellauf begeistert, Verbrecher müssen sich für irgendwelche gröberen Aktionen den Termin des Arbermarathons vormerken. Was hier an Unterstützung durch Polizeikräfte aufgeboten wurde habe ich noch nicht gesehen. Die Polizeidienststellen müssten eigentlich leer sein. Motorradeskorte, PKW, sogar ein Polizeihubschrauber war zu sehen. Gar nicht zu reden von den unglaublich vielen Leuten von Feuerwehr usw., die jede Einmündung, jede Kreuzung, schlicht alles, was uns gefährlich werden konnte, von uns fern hielten.


Hier auch nochmal ein dickes DANKE an die Helfer. Unnötig zu erwähnen, dass der komplette Streckenverlauf über zwohundertfuffz'g km so betreut wurde. Und das für relativ kommodes Startgeld.


Die Strassen waren nun teilweise wieder abgetrocknet und meine Kleidungsauswahl war richtig gewesen. Der Plan, ganz entspannt diesen Marathon zu fahren, war schon nicht mehr aktuell, die Geschwindigkeit lag parmanent über dreissig km/h und K.Roo und ich palaverten angeregt über dies und das. Eine Menge größerer und kleinerer Gruppen hatten sich gebildet und auf dem Flachstück weg von Regensburg ging es für die meisten recht locker so dahin. Vor lauter Quatschen und auch wegen dem recht schlechten Wetter habe ich nicht so sehr auf die Landschaft geachtet und das sonst so zuverlässige Erinnerungsvermögen an besonders schöne Landschaften ist mir am Sonntag etwas abhanden gekommen.


Irgendwann ging es dann weg von der breiten Bundesstrasse und die schmale Trasse schlängelte sich Richtung Nord-Osten in die Täler. Auch hier perfekter Schutz für alle Beteiligten, Es ging noch recht eng zu aber alles bewegte sich im Rahmen, keine wilden Schlenker oder aggressiven Manöver. Die Durchgeknallten waren sicherlich schon diverse Kilometer weit weg.


Die ersten Hügel zeigten, dass der K.Roo und meinereiner irgendwie ganz gut harmonierten, das Tempo hat gestimmt und die Einstellung auch. Gemäääächlich wollten wir fahren. Aber warum sind wir dann permanent überholend an vielen anderen vorbei gefahren? Und warum hatten wir in den Flachstücken dauernd ein bis mehrere Dutzend Leute an den Hinterrädern? Gemäääächlich also... Ja, ja... Ich dachte mir insgeheim, OK, dem K.Roo kannste sowieso net dauernd folgen, irgendwann wird er feststellen, dass ich ihm zu lahm bin und dann kann ich wieder locker vor mich hin rollern und selber mal lutschen... Von der Wegen...


So ging's halt voran und die erste Verpflegung haben wir genutzt, um was zu essen (vorneweg: ich habe an dem Tag zugenommen...) und mal auszutreten. Ist ja nett, wenn es Dixis und Container gibt, aber zu viele Leute. Also wieder auf die Räder und halt ausserhalb irgendwo in der Wallachei mal kurz eine Leitplanke naß gemacht.


Danach haben wir einen Typen aus Erding erwischt (grüne Klamotten, auf der Hose stand was, was mit dem Flughafen MUC zu tun hat, Giant-Radl) und wir waren schwer beeindruckt von den strammen Wadeln von dem Herrn.


Der K.Roo hat gleich einen Palaver gemacht und ich bin etwas vorne raus gefahren. Wir waren etwa bei Kilometer fünfundsechzig und es begann leicht und konstant anzusteigen. Ich hatte null Plan vom Streckenverlauf, meinen Streckenzettel hatte ich irgendwo verschusselt. Im Hinterkopf hatte ich noch, dass bei neunzig Kilometern der Arberanstieg beginnt. Das war der interessante Punkt für mich, denn das sind doch einige Streckenkilometer und Höhenmeter, die ich mir für meine Vorbereitung auf das Pässefahren im September zurecht legen wollte.


Na egal, wird schon passen. Dem K.Roo seine Telefonzelle hatte dann öfter mal gebimmelt und er war mehr mit SMS beschäftigt als mit Radeln.


Dann bimmelts auch bei mir und ein guter Freund will wissen, wie's mir geht. Kurze Info gegeben und aufgelegt. Zum Glück! Jürgen, da hätteste mir beinahe die Tour vermasselt. Denn kaum stopfe ich die Telefonzelle wieder in die Trikottasche, kommt ein Kreisverkehr und ein häßliches Schild ist rechts zu sehen. Da steht fünfzehn Prozent drauf. Nee, nicht die Reduzierung der MwSt. sondern die Steigung. Nu ja, bisher war's ja alles loggggger und ich hab' mich nur gelangweilt - also mal was arbeiten.


Im Nachhinein würde ich behaupten, dass der Buckel mehr als fünfzehn hatte, es fühlte sich irgendwie doch recht steil an. Kurze Zeit später war das Ding erledigt und es rollte wieder in diverse Wellen. So richtig in Erinnerung habe ich da erstmal nichts weiter, ausser dass der K.Roo Mundraub am fahrenden Objekt beging.


Vor uns war einer mit einer oben offenen Satteltasche, eher so ein Beutel, wie ihn Kletterer benutzen. Das Ding hat lustig hin und her gebaumelt und es war eine Banane drin. Muss ich weiter erzählen? Nun gut, der Kollege hat halt später eine (seine?) Banane vermisst und wir beide waren satt...


Dann hat er mich später in einer langen Gruppe mit einem seltsamen Zeugs gefüttert. Irgend ein Riegel, ziemlich braun und ziemlich schwer zu essen. Zweimal reingebissen und dann dem Gebüsch überantwortet. Bäääääh...


Die Sonne kam dann mal raus und dann war es so weit, der "richtige" Anstieg, die erste Arberbesteigung singlespeed für mich. Klappts? Es sind immerhin einige Kilometer und im Schnitt die MwSt. auf Buchdruckerzeugnisse steil. Am Anfang haben wir noch gelacht und palavert, es war auch prima. Gefolgt ist uns niemand mehr und so ging es dahin.


K.Roo sagt dann zu mir "Nimm mal Tempo raus!" Ich glotze auf den Tacho. Da steht eine Zahl, halb so groß wie das Alter von dem Verrückten. Ich reduziere um zehn Prozent und kaum guck' ich wieder auf das Schätzeisen, steht da halt schon wieder was schnelleres. Angeblich hätte ich das Tempo hochgehalten. Ja - klar doch... Am Rand die ersten Eingeborenen, die uns applaudieren und irgendwann kommen mal wieder ein paar Radler in unser Blickfeld.


Wie eine lockere Perlenschnur zieht sich die Reihe den Hang hinauf. Und immer schön dran vorbei. Aber ich habe nur einen Gang und muss mit meinen Körnern haushalten. Seit wann fressen Pinguine Körner? Was für ein Unfug, dieses Wort "Körner"... K.Roo wäre locker schneller und bietet mir an, mich hoch zu ziehen. Bei fuffzehn KaEmmHa bringt mir das nix und ich schicke ihn auf die Reise. Ich sehe ihn noch eine ganze Weile und schraube mich gemächlich den Buckel hoch. Immer noch bin ich der Überholende - das ist doch fein.


Es taucht ein unglaubliches Gefährt vor uns auf. Ein Rennrad mit infernialischem Lärm. Scheinbar rupfen die Speichen am schlecht justierten Schaltwerk oder sonst was. Das war genug Motivation, mit dem Tempo hoch bis zur Volljährigkeit in Deutschland zu gehen. Hauptsach', diese Lärmquelle nervt nicht länger. Vorbei und nix wie das Tempo hoch halten. Dann kommt der Flughafenmünchner in Grün wieder und fährt an mir vorbei.


Wieder Motivation. Kann nicht sein, dass mich einer überholt. Also wieder zurückgerundet und nebeneinander her gefahren. Netter Kerl, ist Spinninginstruktor und somit hatten wir ein gemeinsames Thema, habe das ja auch recht gerne gemacht und Eingang fahren ist nix anderes als Spinning im Freien...


Dann waren wir auf gut tausend Höhenmetern, schnell die Jacke zu und den Pinguin klein gefaltet. Meine gute Aerodynamik und das etwas höhere Gewicht war sehr hilfreich. Des Känguruh musste sich immer so seltsam hinter den Sattel verstecken, damit es flott bergab ging. Herrlich, wenn es rasant läuft. Ein Traum von einer Abfahrt - nur leider zu schnell vorbei.


An der Verpflegung treffe ich K.Roo wieder. Ich habe mich mit der Esserei zurück gehalten, denn jetzt kam der Anstieg zum Bretterschachen. Habe im Vorfeld einige Horrorgeschichten gehört und mit vollem Magen muss man das nicht erleiden. Im Prinzip hat man jetzt nochmal den gleichen Anstieg wie den Arber vor sich, nur dass der Arber harmonischer "rollt".


Es war schwer was los da rauf und bis zum Abzweig links gingen wir gemeinsam, dann wurde es mir zu schwer und ich musste das erste Mal nach hundertdreissig km richtig arbeiten und leiden.


Ach ja, unten bei der Verpflegung hatte ich auf zwotausendzwohundert HaEmm einen guten dreissger Schnitt auf der Anzeige. Also noch elfhundert Meterchen vertikal und nochmal die selbe Strecke. Alles kein Problem. Irrtum, mein kleiner wässriger Schwimmvogel...


Die Quälerei da hoch wurde etwas kurzweiliger, weil ich mich mit dem einen oder anderen, der an mir vorbei ist, über den Sinn vom Radfahren mit limitierter Gangauswahl unterhalten konnte. Zehn von zehn behaupteten einfach, dass ich bescheuert bin oder ähnlich. Irgendwie ist meine Mission noch nicht erfüllt. Wenn einer von zehn sowas sagt, kann ich's ja verschmerzen. Aber so?


Die Abfahrt vom Bretterschachen war ja sowas von der Wahnsinn. Nagelneuer Teer. Sauber und trocken. Lange, schnelle Kurven, kein Verkehr. Dank meines geringfügig höheren Systemgewichts konnte mir K.Roo trotz seiner abenteuerlichen "Haltung" auf dem Rad nicht folgen und ich hatte unten auf der langen Geraden soviele Kilometer pro Stunde drauf, wie ich alt werden möchte. Ich möchte sehr alt werden. Knapp vorm bisherigen persönlichen Kreuzbergrekord.


Dann wurde es etwas öde, wir zwei beiden waren zwischen zwei Gruppen und ich musste zu hohe Frequenzen pedalieren, K.Roo kam dann auf die Idee, sich zurückfallen zu lassen. Andere sollen mal was tun. Na ja, so richtig geklappt hat das nie mit der Arbeitsteilung, die Grüppchen waren dann doch immer zu faul oder langsam oder beides.


In Zukunft lasse ich mich von dem Känguruh nimmer füttern (warum macht er das überhaupt, ich hatte selber die Taschen voll mit Riegel) - sein beiges, quadratisches Angebot war bröselig und ich habe dann fröhlich vor mich hingehustet, um den Krempel wieder aus der Luftröhre zu bekommen. Gerade rechtzeitig zum nächsten Anstieg war ich wieder einsatzfähig.


Na ja, es ging bergauf und drüben wieder runter. Dann mal wieder Verpflegung und wir sehen unseren Grünen Erdinger wieder. Bluesteel war auch da, ist aber nicht zum Entsorgen stehen geblieben und so sind wir zu dritt weiter. Es ging kurz bergauf und dann wieder eine Abfahrt. Ich habe mir an der Verpflegung (dieser Bauerhof mitten in der Wallachei war das) deutlich zu viel Obst, Gemüse, Semmeln und Süßkran einverleibt und war froh, dass es gerollt ist. Aber gefroren habe ich! Gut, das Rumstehen hat ausgekühlt und die Höhe war ja auch noch beachtlich.


Nach der Abfahrt kam eine Einmündung auf eine größere Strasse. Da ist mir eine wunderschöne Bremsspur aufgefallen. Erst Teer, dann Bankett, dann Gras - dann nichts mehr, denn die Böschung in die Wiese rein war sicherlich anderthalb Meter hoch. Das war wohl ein spektakulärer Abflug ins Grün...


Wenn es runter geht, dann geht es auch wieder rauf. Erst ein paar
Serpentinen und dann eine Rampe (müsste Kolmberg gewesen sein, oder?). Känguruh und Erdinger hab' ich ziehen lassen und habe mich meinem Schicksal ergeben. Die acht bis zehn Steigungsprozente fühlen sich nach hundersechzig Kilometerchen irgendwie wie die fuffzehn vom Anfang an. Es ging langsam aber stetig voran, ich wurde jedoch öfter gezwickt als mir lieb war.


Dann plötzlich Halligalli am Strassenrand. Leute, die uns raufgebrüllt hatten - klasse! Da kommt das Lachen trotz der achtundreissigtausend Liter Laktat in den Haxen von ganz alleine zurück.


"Letzter Berg!" haben sie geschrien. Klar doch. Man soll halt net alles glauben, was man erzählt bekommt. Nu ja, es gab dann noch einen schnuckeligen zweiten Teilanstieg mit bis zu zehn Prozent und als ich endlich oben war, sehe ich, dass das Känguruh auf mich wartet. Das ist doch prima, hat mich sakrisch gefreut!


Die Abfahrt war mir ein Genuss und es ging flott voran. Vorne K.Roo, dann das Erdinger und dann ich. Ich lege mir die nächste Linkskurve zurecht und habe massig Platz auf unseren grünen Begleiter, da malt er plötzlich bei einer Geschwindigkeit in der Größenordnung des zukünftigen Renteneintrittsalters einen Strich auf's Parket und verabschiedet sich mit einem gepflegten Highsider in die Wiese. Zum Glück war da eine Wiese. Möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn er sich in die wenige Meter weiter unten befindliche Schonung gewuchtet hätte...


Also Stopp und hoch zu ihm. Er sitzt im Gras, schüttelt sich und steht auf. Ausser grünen Flecken auf dem grünen Trikot war nix. Aber das Rad... Das Hinterrad hat es zu einem Kartoffelchip verformt, da hat sich nix mehr gedreht und der rechte Brems-/Schalthebel war nach innen gedreht. Wer weiß, was bei so einem Plastikteil noch alles hinüber geht, was man auf den ersten und zweiten Blick nicht sehen kann.


Zufällig kam gerade ein Polizeiwagen vorbei und die haben dann den Rest geregelt. Ich bin wieder auf das Rad und weiter den Hügel runter. K.Roo nochmal zu sehen, war ausgeschlossen, das da oben hat einfach zu viel Zeit benötigt. So bin ich halt die nächsten dreissig km mehr oder weniger alleine gefahren, es wurde wieder sonniger und wärmer, die Jacke war im Trikot verstaut und trotz Gegenwind konnte ich ein deutliches dreiss'ger Tempo konstant halten. Wie immer, ich war Lumpensammler, diverse Jungs begleiteten mich im Windschatten und als ich dann mal in einer Ortschaft aus der Führung ging, gab es sogar mal ein Danke für die Arbeit. Das freut mich dann schon mal - prima!


Der Ort war doof. Denn es ging rechts hoch in die Hügel und der Anstieg war nicht ohne. Das hatte auch mal sein Ende und die Verpflegung Saulburg kam. Mann, da war was los! Bier gab es (habe ich die Finger davon gelassen), Cola und alles andere, was sonst eh schon bekannt war. Ich habe kräftig zugelangt und auf einmal sehe ich den K.Roo wieder. Er hat wieder gewartet und ihm war klar, dass irgendwas gewesen sein musste, da weder der Grüne noch ich aufgetaucht sind.


Schnell noch Cola und Wasser in eine Trinkflasche und wie der Zufall so will, trifft der K.Roo seine vorherige Gruppe wieder. Blaue Trikots mit irgendeinem Stadtwerke irgendwo hinten drauf (Werbung wirkt, ich konnte mir den Quatsch zumindest nicht merken...).


Die nun folgenden Kilometerchen wurden relativ flott zurück gelegt. Es wäre schneller gegangen, wenn ich nicht Angst um meine Kniescheiben bekommen hätte. Anfangs hatte ich permanent eine Frequenz, die der Autobahnrichtgeschwindigkeit entspricht, anliegen und nach einiger Zeit war ich so frei und habe die Verrückten darum gebeten, das Tempo bei vierzig mal gut sein zu lassen. Somit hatte ich "erholsame" hundertzwanzig Umdrehungen und konnte gemütlich vor mich hin fluchen...


Mann, was für Spinner. Normalerweise rollt man so eine Tour gemächlich aus, palavert ein wenig, guckt sich die Landschaft an und geniest den Sonnenschein. Nee, die Säckl müssen sich beeilen. Vermutlich hat das Känguruh schon wieder Hunger gehabt oder den Stadtwerken ging es nicht schnell genug an die heimatliche Steckdose. Was weiß denn ich. Nächstes Jahr komme ich mit dem Schalter und dann gnade euch alles, was euch heilig ist.


Meine Auswertung sagt, dass ich zwischen der letzten Verpflegung und der Stadtgrenze einen Schnitt entsprechend meinem aktuellen Alter runter gerissen hatte. Also ist nächstes Jahr die Altersschwelle zur Midlife-Crisis fällig - dann mit Schalter.


Die letzten Kilometer vor Regensburg habe ich die Jungs dann ziehen lassen und mich in eine langsamere Gruppe hängen wollen. Dumm nur, dass die zu langsam waren, also wieder alleine vorne raus und siehe da, ich war wieder Lumpensammler. Frechheit, wieso rollen soviele faule Radsportler über Bayerns Strassen?Denkt ihr alle nur an Bier und Bretz'n oder was ist da los?


Dann kam der große Auftritt der Polizei, der den verflixt guten Gesamteindruck leicht geschmälert hat. Ich "durfte" auf dem Radweg fahren. Toll. Wenn das mal eine gute Idee ist. Die hätten uns lieber mal auf der Strasse gelassen, das eine oder andere verängstigte Kind, der ein oder andere akute Hüpfer über Bordsteinkanten usw. wäre leicht vermeidbar gewesen. Sinnlose Aktion seitens der Behörden.


Ja und dann? Was sehen meine trüben Äugelein? Die kleine Zoogemeinschaft Känguruh und Pinguin war wieder vereint. Hach, ist es nicht schön, so einen treuen und geduldigen Begleiter wie das drollige Känguruh zu haben? Es hat gewartet... *schnüüüüüüüüüüf* Was war ich gerührt... Wir sind also zusammen die letzten Meterchen gerollt.


Der rote Zielbogen auf dem Dultplatz war erreicht und gleich danach gab es dieses Zeugs, was angeblich Flügel verleiht. Schmeckt wie aufgelöste Gummibärchen und wieder einmal mehr ist mir schleierhaft, wie man sich sowas freiwillig kaufen kann. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul - Hau' wech den Kram und weiter...


Das verrückte Huhn erwartete uns bereits am Cola-Stand, der Zoo wird immer größer, denn der Hühnerhabicht mit seiner C. war dann auch da und viele andere bekannte und neue Gesichter.


Die Raubtierfütterung war hervorragend, Würscht und Kartoffelsalat und Semmeln und Getränke und das alles für Lau. So lobe ich mir das!


Beim Anstehen zum Futter holen hab' ich den Röhrls Walter gesehen. Ist der mitgefahren?


Gegen sechs Uhr bin ich dann zum Töff-Töff, habe entschieden, dass ein Pinguin auch mal stinken darf und bin nach einer Katzenwäsche ab in die Klamotten und auf die Autobahn. Ein kurzer Stau und dann ging es flüssig Richtung Heimat, das Wetter wurde immer schöner und somit hatte ein langer, spaßiger, spannender, fordernder Tag sein passendes Ende gefunden.


Für die Zahlenfreaks noch das hier:


zwohundertdreiundvierzig Streckenkilometer
starke dreitausenddreihundert Höhenmeterchen
Maximalsteigung im deutlichen Starkbierbereich (wer meint, so starkes Bier gibt es nicht, ich kenn' da ein Gebräu, das zieht euch die Latschen aus...)
Durchschnittssteigung im üblichen Starkbierbereich
Durchschnittsgeschwindigkeit gerade noch Zone-dreissig-kompatibel
Durchschnittliche Trittfrequenz von fünfundachzig Pinguinstramplern


Und hier die Veranstalter: www.arbermarathon.de


Aus dem Radsportzoo grüßt
Pinguin


Im Übrigen bin ich zufrieden, dass ich in Bayern lebe. Viel Spaß mit eurer seltsamen "Rechtschreibreform" wünsche ich dem Rest vom Volk. Schreibfehler alter und neuer Technik dürft ihr gerne bemerken, nehmt am besten einen dicken Edding und malt euch die Stellen auf'm Monitor an.

Mittwoch, 13.07.2005

Rennradalpenüberquerung Ludwigsburg - Gardasee (Nago-Torbole)



vom 08. bis 10. Juli 2005

Prolog oder "Kein Gardaman"

Nachdem Rosti und ich nach der erfolgreichen Langstrecke Nürnberg - Budweis (Juli 2004) für die ebenfalls vom gleichen Unternehmen (www.ultra-admarathon.de) angebotene Langstrecke "Gardaman" gemeinsam gemeldet hatten und diese Veranstaltung bei uns beiden mit den radsportlichen Jahreshöhepunkt darstellen sollte, war die Enttäuschung über die Absage der Veranstaltung riesig. Doch der Reihe nach.

Stefan von vo2sports rief mich vier Wochen vorher an und teilte mir mit, dass die Veranstaltung auf der Kippe steht. Viele Meldungen wurden zurück gezogen und somit war es fraglich, ob ausreichend Teilnehmer an den Start gehen würden.

Nach diesem Telefonat war ich gefrustet wie schon lange nicht mehr - trotz des zufällig bei der Verlosung gewonnen Lampensets... Ein schwacher Trost. Es kam, wie es kommen musste, das Absagemail trudelte ein.

Mist... Eine Wahnsinnsenttäuschung! Rosti ging es nicht besser, aber wer uns kennt, der weiß, aufgeben ist nicht.

Innerhalb von ein paar Stunden stand eine alternative Planung, die uns zwei von Ludwigsburg an den Gardasee bringen sollte. Rosti hatte innerhalb kürzester Zeit seine Bruder Markus und dessen Freundin Martina für unsere Betreuung organisiert. Sein komfortabel ausgestatteter VW Bus sollte unser Material transportieren und uns am Sonntag wieder flott Richtung Heimat bringen.

Strecke

Mit der Streckenplanung gab es keinen großen Aufwand. Rosti hatte von Ludwigsburg bis Innsbruck schon mal eine Etappenfahrt geplant und die Daten lagen quasi in der Schublade, mussten nur noch etwas optimiert werden.

Ich übernahm den Abschnitt Innsbruck - Gardasee. Auch hier kaum Aufwand, die Jungs von vo2sports hatten die Streckenplanung des Original-Gardamans relativ detailliert im Web dargestellt, etwas Kartenarbeit und der Kram war erledigt.

Die etwa 160 Ortschaften, die von uns durchquert oder berührt wurden, hatte Rosti auf kleine Zettel ausgedruckt, die dann laminiert wurden und etappenweise zwischen Radhose und Oberschenkel gesteckt immer sofort zur Verfügung standen. Einfach und sicher.

Ausrüstung

Rosti fuhr mit seinem Principia mit Standardgetriebe, bei mir kam der halbe Porsche zum Einsatz, mit speziell abgestimmtem Getriebe, so dass ich 2,5:1 bzw. evtl. 2,6:1 beinahe ohne Kettenschräglauf fahren konnte.

Am Porsche war Nabendynamo plus E6, am Principia die Lampe aus dem gewonnen Lampenset, irgend so ein wildes LED-Teil von Hella mit Zulassung für die Ausleuchtung zuständig.

Vor der Tour habe ich diese Lampe auf einer Nachtfahrt ausgetestet und festgestellt, dass wasserdicht was anderes ist und der Fahrer wird ohne Modifikation am Reflektor blind oder blöd... Also Gehäuse mit altem Fahrradschlauch lichtdicht gemacht und das Batteriefach abgeklebt.

Ansonsten gab es eine gigantische Checkliste, in die Team und Fahrer alles eingetragen hatten, was uns so eingefallen ist. Rosti, der arme Kerl hatte sich bereit erklärt, einkaufen zu gehen. Im Prinzip gab es nichts, was wir nicht dabei hatten. Kleidung in Hülle und Fülle, Werkzeug, Ersatzteile, Getränke, Essen, Riegel, Zelte und Zubehör und so weiter und so fort. Der Bus war gut voll.

Wetter

Über das Wetter zu reden ist bei Rosti und mir sinnlos. Wenn wir was planen, dann fällt es ins Wasser. Hand drauf!

Eine Woche vorher bin ich einen starken 100er gerollt bei 35 Grad. Dachte, das ist gut als Einstimmung, denn uns wird es sicherlich vergrillen... Ja was. So kann man sich täuschen.

Die Wettervorhersagen waren ein Lotteriespiel, täglich Nässe, Wind, kühle Temperaturen. Die Wettersymbole in der Tageszeitung, www.wetteronline.de, www.wetter.com, www.kachelmannwetter.de usw. Ich konnt's nimmer sehen. Nur Regen, Regen, Regen in den Vorhersagen.

Rosti kam dann mal mit einer Mail rüber - was ich vom Wetter halte. Oha, jetzt wird es eng, ich war kurz davor, zu glauben, dass wir das Projekt wegen dem miesen Wetter wieder in der Versenkung verschwinden lassen. Irgendwie hatte ich zu diesem Zeitpunkt meinen Optimistischen und behauptete einfach, dass wir schon Glück haben werden.

Vorweggenommen: Wir hatten relativ viel Glück. Und mit dem Wissen über die Wetternachrichten vom 12. Juli hatten wir sogar sehr viel Glück. Da unten ist ziemlich Land unter momentan. Am Sonntag auf der Heimfahrt war Südtirol auch schon richtig naß und viele Radwanderer waren von weitem an ihren bunten Regencapes und Packtaschenüberzügen zu erkennen.

Freitag, 8. Juli

Aufgestanden bin ich um 8:30 Uhr, die Nacht war unruhig, warscheinlich wegen der Aufregung über mehr als 600 km Radsport vom Feinsten.

Auto fertig gepackt und um 10:30 Uhr ging es Richtung Ludwigsburg. Gegen Mittag war ich bei Rosti, erstmal zum Chinesen, Mittagsbuffet. Anschließend meine Kisten in den Bus umgeladen:



Dann nach einem schönen Pott Milchkaffee rein in die Radklamotten.

Knielinge, Trägerhose (schön dick Melkfett auf das Sitzpolster), U-Hemd, Jacke, kurze Handschuhe, Socken, Windstoppersocken, Kopftuch, Brille, Helm. Restlichen Krempel in die Taschen gestopft, Kamelback voll Wasser, Trinkflasche Wasser mit etwas Isostarpulver.

Kurz vor 14 Uhr verabschiedete uns Rostimama auf die Reise. Hier die Räder und wir:







Nach ein paar hundert Metern dann meine Frage an Rosti "Haben wir die Karten und Roadbooks dabei?" Und schon haben wir gewendet und sind nach dann um 14:03 Uhr korrekt ausgerüstet erneut auf die Reise gegangen.

Es war trocken. Komisch. Aha. Jetzt. Ich dachte schon, wir werden doch nicht naß werden? Einige Minuten nach dem Start begann es wunderschöne, große Landregentropfen vom Himmel zu schmeißen. Wie ich es vermißt habe. Endlich Regen... Die ersten 50 km war Rosti konsequent in der Führung und ich habe Wasser geschluckt.

Pinkelpause, Rosti ist Radhalter im Regen:



Lichtblick:



Er hatte es mir schon vorher angedroht, dass ich mein Waterloo erleben werde. Rosti meinte den Verkehr, nicht unbedingt das Wasser. Die ersten Stunden bis ran an die Alb waren für ein Landei wie mich verkehrstechnisch ein Albtraum - so viele Autos. Schönster Freitag Nachmittag, Berufsverkehr. Ab Geislingen wurde es dann angenehmer, damit meine ich Verkehr und Wetter (kurz vorher hatten wir noch ein kleines Orientierungsproblem aus der Ortschaft Süss heraus) und die ersten richtigen Höhenmeterchen die Steige hoch waren zu bewältigen.

Kurz nach Süss (auf dem Weg zum ersten kleinen Verfahrerle):



Oben dann ein schöner Blick auf Geislingen und dann weiter Richtung Osten.





Der Renner ist schon ordentlich versifft:



Rosti auf der Steige:



Markus und Martina (Im Folgenden wegen der Kürze: M&M) wollten uns aus Richtung Leipheim entgegen fahren, der Erstkontakt mit unserem Team kam dann irgendwo oben auf der Alb zustande, knapp bevor es dann wieder runter Richtung Langenau und Leipheim ging. Vorher wurden wir jedoch nochmals naß und auf einer schnellen Abfahrt wehte es mir meine Ersatzbirne für den Scheinwerfer aus der Jackentasche. Rosti hatte es bemerkt und das gut und weich eingepackte Birnchen wiedergefunden. Wäre doof gewesen, wenn ich die Birne mitten in der Nacht benötigt hätte und geglaubt hätte, ich hätte sie noch...

Frisch raus aus dem Regen:





 

Unsere erste Pause kam somit nach starken 108 km und knappen 4,5 Stunden. Ich war froh drum, hatte ich doch lediglich zwei Riegel in der Jackentasche gehabt und langsam kam der erste Hunger.

Kuchen, Banane, Naktarinen und Tee und weiter ging es nach 25 Minuten Aufenthalt. Die ersten paar hundert Meter der Abfahrt waren empfindlich kalt, ich war froh, dann unten in der Ebene wieder etwas arbeiten zu müssen. Das Wetter meinte es dann gut mit uns, große Wolkenfelder, immer wieder blauer Himmel, in der Ferne Regenwolken, aber noch nicht bedrohlich.

Der Wind kam meistens von hinten oder seitlich. M&M überholten uns, machten Bilder, wiesen uns ab und an den Weg durch Ortschaften und so ging es recht flott parallel zur B 16 bis Krumbach.

Konzentriert bei der Arbeit:







Kurz vor Krumbach:





Krumbach erreichten wir um 20:40 Uhr und machten dort etwa 2:15 h Pause bzw. bereiteten uns für die Nacht vor.

Die bedrohlichen Regenwolken entluden während unserer Pause ihre Fracht südlich von Krumbach, aber das wussten wir zu diesem Zeitpunkt in der gemütlichen Wirtschaft bei Cordon Bleu, Nudeln, Zwiebelrostbraten, Radler, Milchkaffe usw. noch nicht.

Zwei Thermoskannen mit Tee bekamen wir auch noch von der Bedienung (Kuck-Kuck!) gebracht.

Am Bus umziehen für die Nacht:





(Jetzt gibt es eine Weile keine Bilder, es war ja finster...)

Kurzes Radtrikot zwischen U-Hemd und Jacke, Knielinge weg, dafür die Windstopperhose drüber und lange Handschuhe an. Der Rest wie gehabt. Im Prinzip hatte ich Klamotten an wie im Januar/Februar. Fürchterlich...

Krumbach zu verlassen war nicht so leicht, wir sind nicht dem Bus gefolgt und standen dann an der Hauptstrasse und keines der Schilder zeigte uns den gewünschten Weg. Karte raus, dumm geguckt und dann ein älteres Ehepaar gefragt.

Die Hinweise Richtung Mindelheim waren hilfreich, aber wirklich verstanden hatten die beiden mit dem kleinen Hund nicht. Ich glaube, wenn sie gefragt hätten, woher wir kommen und wo wir hin wollen, dann wäre das böse für die beiden ausgegangen. Wir waren auf der B 16 und die Lichter des Städtchens verschwanden hinter uns.

Mir kam es so vor, als ob ich zu warm angezogen bin. Trugschluss, das Thermometer am Tacho wies eine Temperatur nahe 10 Grad aus. Es war sternenklar, weit und breit keine Wolkenfelder zu sehen. Wir werden wohl trocken durch die Nacht kommen. Ich war dann eine Weile vorne, der Tacho pendelte um die 30 km/h, unser gemeinsam still vereinbartes Wohlfühltempo, die Trittfrequenz wie schon den ganzen Tag meistens zwischen 95 und 110 rpm. Irgendwann kam dann ein Hinweisschild auf eine Baustelle - Sperre der Bundesstrasse.

Egal, ein Fahrrad kann man tragen, wir wollten nicht von der Route abweichen, wo der Bus war, wußten wir zu dem Zeitpunkt auch nicht. Es zog sich noch eine Weile hin, dann tatsächlich Ende des Teerbandes, scheinbar gibt es an dieser Stelle eine neue Decke. Wir fuhren langsam über den Feinschotterbelag, das letzte Stückchen war dann Trage/Schiebepassage. Danach regennasse Fahrbahn, der warme Asphalt ließ kleine Nebelschwaden aufsteigen.

Leider blieb die Strasse naß, Rosti ging in die Führung und ich glotzte gelangweilt auf seine Hinterradnabe. Wie oft ich auf der Tour das Wort "Mavic" gelesen habe? Wahrscheinlich wird der nächste Laufradsatz von Mavic sein, mein Unterbewusstsein dürfte das abgespeichert haben... Irgendwann kurz vor oder nach Mitternacht erreichten wir bei Mindelheim wieder den Bus.

Ich hatte eiskalte Füße, das Spritzwasser stand in den Windstoppersocken, meine selbstgemachte Gummiringabdichtung und die Windstopperhose haben das Eindringen des Wassers doch nicht verhindern können. Das Thermometer zeigte 6 Grad... Wie im Winter. Bei 191 Streckenkilometern also Stop am Bus, schnell was getrunken und die Schuhe gewechselt. Dickere Socken und die MTB-Latschen führten dazu, dass ich wieder warme Füße bekam und die Welt war wieder für eine Weile in Ordnung.

Samstag, 9. Juli

Gleich nach Mindelheim ein schöner 10%er zum Warmfahren. Und zack! auf der Anderen Seite auch gleich wieder 10% runter. Ziemlich sinnloser Hügel.

Es ging parallel zur A96 bis Bad Wörrishofen über kleine Strassen, es war mittlerweilen wieder komplett abgetrocknet. Irgendwann wieder ein Stop am VW-Bus. Markus hielt uns jetzt die Nacht über die Treue, Martina hat geschlafen und sich von ihrer bisherigen Arbeit hoffentlich einigermassen erholt.

Dank des Navigationsystems hatte niemand Probleme mit der Routenfindung und in mancher Ortschaft zeigte uns Markus den Weg an, sehr praktisch. Irgendwo in dem Bereich zeigte der Tacho 200 km Strecke an. Mir wurde es leicht mulmig. Für 200 km haben wir einiges über 10 Stunden benötigt.

Gut, mehr als 3 Stunden waren Pausen und Kurzstops, der Nettoschnitt sicherlich im Bereich von 30 km/h. Blos, wir dachten eigentlich, wir sind gegen sechs Uhr Morgens in Innsbruck. Bis dorthin noch ca. 160 km. Wenn es so weiter geht, dann ist das nicht in dieser Zeit zu packen...

Bis nach Kaufbeuren wäre es nicht weit, Schilder zeigen 27 km an. Gute Freunde von mir wohnen dort, meine Gedanken schweifen in diese Richtung ab, ich überlege, wie es ihnen und ihrer Tochter Hanna im Kurzurlaub in der Rhön wohl geht. Was sie für Wetter haben usw.

Dann fahre ich mal wieder ein Stück freihändig, richte mich auf, gönne dem Rücken eine andere Position. Nicht, dass ich Probleme hätte. Aber einfach mal abwechseln, den Blick schweifen lassen, die Sterne streifen, in die Felder horchen, auf Tiere lauschen usw. Ich bin dann doch zufrieden, mal wieder auf Nebenstrassen zu sein, man kann einfach mal wieder nebeneinander rollen.

Reden tun wir kaum, aber es ist was anderes, als einfach nur hintereinander her zu fahren. Plötzlich macht Rosti einen Schlenker auf mich zu und berührt mich leicht mit seinem Lenker. Nichts Dramatisches.

Nur, ich fahre geradeaus. Warum er nicht? Müdigkeit? Ich hatte nicht gefragt. Ungeschickt von mir. Vermutlich wäre es hier an der Zeit gewesen, miteinander zu reden. Ich bin wenig Schlaf, Nachtfahrten, Dunkelheit, Einsamkeit in der Nacht auf dem Rad durch diverse Aktionen dieses Jahr gut gewöhnt.

Rosti hat in dieser Richtung weniger unternommen. Warum auch, er hatte im ersten Quartal ausreichend Zeit, Kilometer zu aus seiner Sicht vernünftigen Tageszeiten zu sammeln.

In Waal unweit der B 17 war wieder mal kurzer Stop. Ich wechselte die Batterien an der Hella-Lampe, etwas essen, trinken und weiter.

Das Roadbook hätte uns normalerweise weiter auf Nebenstrassen Richtung Peiting geführt. Das Navisystem war der Meinung, die B 17 ist besser geeignet. Nun gut, die Strasse war sehr breit, trocken und es war kaum Verkehr. Dennoch fühlte ich mich unwohl, weil mir nicht klar war, ob die Entscheidung, der Bundesstrasse zu folgen, richtig war. Ich ging in Führung und zog Rosti hinter mir her.

Was weiß ich, was ich gedacht oder nicht gedacht habe. Lediglich den Blick auf den Tacho geheftet. 27-28 km/h steht da. Erstaunlich. Immer noch. Und immer noch nicht wirklich schlimm müde. Kann das denn sein? Wann kommt der Mann mit dem Hammer? Es tut nichts weh, nichts ist verspannt, nichts drückt, reibt oder stört sonst irgendwie.

Druck auf's Pedal kommt immer noch reichlich, wenn auch ich bei Anstiegen lieber aus dem Sattel gehe und die Neigungen nicht mehr wegdrücke.

Langsam kommt bei mir ein netter Gedanke auf: Ich habe bald die bisherige Maximalstrecke von 265 km singlespeed egalisiert!

Wie oben angedeutet, das Porschegetriebe (34/48 und 14-15-16-17-18-19-20-21-24) ist so ausgelegt, dass 48/19 fast meiner Singlespeedabstimmung entspricht. Exakt passend wäre 48/18,5 - aber halbe Zähne gibt es nunmal nicht. Also bin ich in Ludwigsburg mit 48/19 losgestrampelt und habe bis auf ein Versehen kurz vor Krumbach (ich hätte es nicht gemerkt, wenn Rosti nicht auch aufmerksam auf die Hinterradnabe gestarrt hätte...) alles mit dieser Übersetzung erledigt. Versehentlich war dann halt mal ein paar km 48/18 aufgelegt. Egal, Hauptsache, nicht leichter als 48/19.

Tja, so ein Zeugs habe ich mir um diese Uhrzeit durch den Kopf geschoben. Und mich dann mal umgedreht. Oh weia! Rosti war weg. Ich habe schön langsam gemacht und als er wieder dran war dann die Hiobsbotschaft. Er hat Probleme. Es tut mir jetzt noch leid, dass ich seine Pfiffe, die mich informieren sollten, nicht gehört habe. Scheinbar war ich zu sehr in Gedanken versunken.

Ein Kurzstopp, das Wasser wollte raus, dann langsam weiter. Immer mal wieder der Bus in Sichtweite, das war gut für die Moral. Breite Strassen sind verflixt einsam... Ich dachte an das Buch über das "Race Across America". 3.600 Meilen Highways und was weiß ich, wieviele Stunden mutterseelenalleine unterwegs mit Schmerzen und tausend Problemen. Dagegen ist das hier ein Radweg. Aber trotzdem. Das ist unsere Herausforderung und die ist nunmal auch kein wirklicher Spaziergang.

Der Bus biegt links von der B 17 ab Richtung Apfeldorf. Das steht auf dem Roadbook. Klasse, ich habe das Thema gedanklich wieder im Griff, würde mich zurechtfinden, wenn der Bus plötzlich weg wäre. Telefon, Ausweis, Geld, EC-Karte am Mann. Was soll passieren? Nichts, was man nicht lösen könnte...

Jetzt im Rückblick mit dem kompletten Kartenmaterial neben mir auf dem Tisch muss ich sagen, dass es besser gewesen wäre, nicht in die Wellen bei Apfeldorf abzubiegen, die Bundesstrasse hätte Rosti vielleicht die paar entscheidenden Körner weniger gekostet und wir wären genauso nach Peiting gekommen. Aber ein Navigationssystems kennt keine Wellen, von daher...

Es wird also wellig. Rosti muss kämpfen. Spricht kaum - wenn, dann höre ich den Frust... Wie soll, wie kann ich ihm denn helfen? Maul halten ist meine Entscheidung. Jetzt mit irgendwelchen Plattitüden daherkommen bringt nix.

Der Rosti ist ein Kerl, der schon manches weggesteckt hat, soweit denke ich, kann ich ihn schon einschätzen. Wer im Fels klettert, wer Judo ambitioniert betrieben hat, wer andere zum Sport anleitet, der kann auch beissen und Niederlagen einstecken.

Das wird schon wieder - nur nicht sagen, dass ich in blendender Verfassung bin. Warum auch immer.

Nach einigem Auf und Ab dann eine Mühle oder ein Sägewerk kurz vor Peiting. Der Bus steht in einer Bushaltestelle. Dann die urplötzliche Entscheidung von Rosti, in den Bus zu steigen. Der Tacho zeigt 252 km an. Wir haben mit Peiting nun den Einstieg in den Originalgardaman erreicht. Also genau zum Ende seiner alten geplanten Strecke reißt es den armen Kerl um. Was für ein Mist.

Schlimm für ihn ist die relativ geringe Strecke bis zu dieser Entscheidung. "Lächerliche" 250 km, das haut man bei jedem x-beliebigen Marathon ohne Murren raus. Die Frage, ob ich alleine weiter machen werde? Ich antworte mechanisch mit "Ja". Keine Ahnung warum. Sollte ich nicht besser auch eine Schlafpause machen?

Doch lieber nicht. Der Bus ist eh voll bis Oberkante Unterlippe und bis wir beide Sitze soweit frei und die Räder in den Bus gebracht hätten, wären wir schier ausgeflippt. Das war dann wohl der Auslöser für mich, weiter zu machen. Was essen und trinken. Auf's Rad und ab. Links hoch den Ansteig durch den Wald.

Der Bus folgt erstmal nicht. Rosti hat eine Kontaktlinse verloren, erst das Problem klären.

Ich fahre zu und greife hektisch an den Oberschenkel. Das Roadbook? Ja, es ist da. Wird schon schiefgehen. In Peiting ist Garmisch ausgeschildert. Noch etwa 50 km oder so. Leider gibt es zwei Möglichkeiten nach GAP zu fahren. Zum Glück will gerade in dem Augenblick eine Bedienung in ihr Auto steigen (Was machen die um dreiviertel vier Morgens in so einem Nest?) und ich Frage, wie ich nach Rottenbuch komme.

Gut, nur links der Hauptstrasse folgen, dann die B 23 nehmen. Peiting liegt hinter mir, ich fahre ziemlich genau nach Süden. Die Strasse ist leer, trocken.

Und jetzt kommt die Erlösung, ich kann die Hügelketten Richtung Unterammergau ahnen, wenn ich nach Osten blicke, sehe ich schon einen Hauch von Licht. Der Tag bricht an. Keine Wolken, trotz Neumond ausreichend Kontrast, um dieses wundervolle Erlebnis, einen neuen Tag kennen zu lernen, voll auskosten zu können.

Die Müdigkeit ist ziemlich weg - die Augen werden wieder beschäftigt, plötzlich kommt der Bus neben mich, ich bekomme ein neues Rücklicht. Dann ist er schon wieder fort.

Fein, der Bus wartet also wieder regelmäßig auf mich. Wir haben vereinbart, dass er immer 20 km voraus fahren wird und am Strassenrand auf mich "lauert". Dann dauert Hilfe im Falle einer Panne etc. nicht lange. Markus hält immer noch durch!

Den nächsten Anstieg in die Hügelkette nehme ich Vollgas, die Beine gehen fast wie immer. Was ist da los, irgendwie zu schön, um war zu sein... Ich merke, dass ich konstant an Höhe gewinne, stellenweise muss ich mal aus dem Sattel, die Euphorie weicht wieder einer gewissen Müdigkeit.

Ich fahre langsamer, die leichte Steigung führt dazu, dass ich mich bei 23 bis 25 km/h einpendle. Dann nach 268 km und 1.740 hm sind etwa 10 Stunden reine Fahrzeit vorbei. Ich halte an und resete den Tacho, übernehme die letzte gespeicherte Höhe als neuen Startwert und weiter geht es. Warum das Prozedere? Ich will sichere Daten haben und der HAC4 spinnt ab 10 Stunden Fahrzeit rum...

Lieber rechne ich während des Tages etwas im Kopf. Was soll man denn sonst spannendes tun?

Die Strasse zieht sich beeindruckend zwischen den Hängen des Ammergebirges hoch bis nach Ettal, es ist leicht neblig und empfindlich frisch. Mein Helmtuch ziehe ich über die Ohren. Kurz nach Ettal dann das Schild "Ettalsattel 868 m ü.NN". Mann, ich bin schon so hoch? Der Bus fährt wieder mal an mir vorbei, ich gebe Zeichen, dass ich nichts benötige und in Ordnung bin.

Lieber fahren als zu oft stoppen. Die Kehren runter bis in die Ortschaft Oberau nehme ich mit Begeisterung, das Auto vor mir hole ich fast ein. Was für ein Erlebnis! Endlich mal Fahrdynamik spüren. Schräglage, anbremsen, nach der Kurve antreten, zusammenfalten und die Nase auf den Lenker. Mehr als 70 km/h sind trotzdem nicht drin, die Geraden sind zu kurz dafür. Als nächstes kommt Farchant.

Der Bus wartet auf mich, ich stoppe. Es sind nun etwa 300 km in 16 Stunden brutto gefahren. Das wird zeitlich ein Fiasko, wenn es so weitergeht, wird die Ankunft am Lago später Abend - wenn wir überhaupt ankommen werden.

Möchte die Kleidung wechseln. Unterhemd und Trikot frisch, das fühlt sich toll an. Zähne putzen ist auch nicht schlecht. Noch ein Brötchen mit Nutella, ein Stück Kuchen, warmer Tee ist noch da, Wasser auch. Ich suche die Kamera in dem Kistenverhau und lasse den Trinkrucksack dafür da. Eine Trinkflasche reicht bei den Temperaturen locker aus. Es hat immer noch sechs Grad morgens gegen sechs Uhr.



Die nächste Ortschaft ist dann Garmisch und es geht vorbei am Abzweig zur Skisprungschanze, links das alte Bayernwerkwohnheim, in dem ich mit meinen Eltern Urlaube verbracht habe. Sehr schöne Erinnerungen. Auch an der Schanze waren wir erst Januar 2003 live zur Vierschanzentournee.

Jetzt bin ich auf der B 2, der Anstieg ist nicht schwer, oben steht der Bus.





Martina fährt bereits seit Farchant (oder noch früher - wann haben M&M gewechselt?), ich winke und fahre weiter.

Der Verkehr wird mehr und ich fühle mich trotz der tollen Sonne, der Landschaft und der Aussicht auf einen regenfreien Samstag nicht wirklich wohl. Weh tut mir nichts, der Körper macht seinen Job wie immer. Über das Klappergestell, welches mich ausmacht, muss ich mir keine Gedanken machen. Die Maschine funktioniert. Der Puls ist nicht mehr so spritzig, klar. Aber knappe 28 km/h gehen immer noch.

Nächste Ortschaft auf meinem Roadbook ist Klais. Ich versuche mich mal auf dem begleitenden Radweg, mich nervt der Verkehr, ich will meine Ruhe haben. Das war ein Fehler, ich bin schon lange an Klais vorbei, die Ausschilderung nach Mittenwald ab Klais habe ich zwar gesehen. Bin jedoch auf der Bundesstrasse geblieben, da ich davon ausging, dass ich dort wie üblich den Bus sehen werde.

Nach längerer Zeit wurde mir klar, dass ich den Bus vermutlich auf der Radwegpassage "überholt" habe. Die konnten mich nicht sehen und ich konnte sie nicht sehen, denn der Radweg liegt tiefer als das Strassenniveau. Na also, Mist gebaut. Ich greife zum Mobile und rufe Martina an. Sie sagt, dass sie noch in Klais steht.

OK. Wir treffen uns an der Abfahrt Mittenwald Zentrum.



Jetzt sehe ich auf der Karte, dass ich durch diese Aktion einen leichten Umweg eingebaut hatte. Klais - Mittenwald wäre kürzer und verkehrsärmer und sicherlich schöner gewesen.

Alles klar, rein in den Ort, einen Bäcker gesucht. Wir wollen Kaffee. bekommen ihn leider nicht. Nur Gebäck. Markus pennt, Rosti ist auch nicht ansprechbar.

Wie immer: Ich esse eine Kleinigkeit, ändere was an der Kleidung, fülle Getränk nach. Nicht mehr weit bis Österreich, es geht jetzt hoch ins Leutaschtal.

Ein feiner Anstieg, den ich mit 48/19 wunderbar durchdrücken kann, ich muss arbeiten, der Puls kommt wieder, der Spaß auch. Der Teer ist ab der Grenze auf österreichischer Seite nagelneu, es rollt trotz Steigung gut, links der Blick in die Leutaschklamm.

Ich bin in Tirol:



Ein Stück weiter mache ich div. Bilder:







Ein Blick auf die Wettersteinwand feselt mich die ganze Zeit, die Wolken hängen wie eine Fahne am Gipfel. Wahnsinn, da kann man wohl hochklettern?



Das Tal zieht sich, es geht immer leicht bergan. Ich werde träge, die Windstopperhose lähmt den Tritt etwas, die Sonne wärmt die Schenkel.

Mehr als 25 km/h sind so nicht drin. Ich geniese den Blick, aber andererseits wird es langweilig. Abwechslung muss her. Am Ende vom Leutschtal steht der Bus im Örtchen Gasse, ich brauche nichts.

Dann kommt ein hartes Stück Arbeit, es geht kurze Rampen hoch, ich habe dann etwa 1.250 Meter Seehöhe. Und dann kommt der Spaß wieder an die Reihe. Es geht bergab - aber wie!

Etwa 7,5 km mit ca. 8% im Schnitt, 570 hm vernichte ich auf einer genialen Abfahrt. Breit, kein Verkehr, die Kehren trocken und sauber. Es läuft. Knappe 80 km/h erreiche ich spielend, vor den Kehren knackig anbremsen, der Geruch von heißem Bremsgummi steigt in die Nase. Ich bin absolut hochkonzentriert bei der Sache und leider ist das Vergnügen zu schnell vorrüber.

Unten in Telfs warte ich auf den Bus und fasse mal an die Felgen. Autsch! Heiß! Die Bremsbeläge haben auch schon an Stärke eingebüßt, für die Brennerabfahrt reicht das noch lange aus.

Von Telfs geht es eben im Inntal nach Pettnau. Jetzt, gegen 8:30 Uhr gibt es den langersehnten Kaffee. Das Telefon bimmelt, was ist los? Ach ja, die üblichen Mobilnetzinfos trudeln ein. Aber auch meine Frau will wissen, was los ist.

Wir hocken uns in eine Gaststube eines Hotels und trinken Milchkaffee und stieren uns an. Ich bin hundsverreckt, reibe mir die Augen und denke nur dran, was machen wir jetzt?

Nach 360 km aufstecken? Nee, den Brenner will ich schon noch fahren. Also Brenner hoch, drüben runter rollen, vielleicht bis Bozen und dann aufhören? Was ist mit Rosti, kriege ich den nochmal auf's Rad? Er zieht nicht richtig auf meine vorsichtigen Fragen hin. Also Ruhe geben. Gehe raus aus der Stube und stelle mich barfuß an den Bus, lehne mich an, genieße die Sonnenstrahlen im Gesicht.

Was soll das? Drei Begleiter und einer, der sich abstrampelt. Bringt's das, wollen M&M das so - die beiden ackern schliesslich auch verdammt hart, darf ich sie weiter "nutzen", auch wenn Rosti nicht mehr will? Ach, na ja. Lauter so'n Zeug habe ich da gedacht vor dem Büssle vom Rosti.

Dann kommen die drei und Rosti murmelt zu Markus "Ich fahre wieder, bau' mal den Aeroaufsatz vom Lenker." Klasse!

Was war ich erleichtert. Rosti kennt den Brenner, kann was vom Ötztaler Marathon und seinen Leiden dabei erzählen, weiß andere Geschichten über die Region, die Zeit ist nicht nur durch treten, treten und nochmals treten ausgefüllt. Um etwa 10:30 Uhr geht es auf die letzten 245,68 km unserer Tour.

Rosti startet an dieser Stelle seinen Tacho neu, deswegen wissen wir, dass wir einen Schnitt von starken 30 km/h über den Brenner bis runter an den Lago gebracht haben. Gut, es geht ab dem Brenner tendenziell nur bergab, die vielleicht 1.000 hm (grob geschätzt), die uns noch erwarten sind natürlich auf fast 250 km ein Nichts. Aber nach 20 oder 21 Stunden Anlauf ist so eine Marathondistanz zum Abschluss auch nicht von schlechten Eltern.

Während des Kaffeetrinkens habe ich sicherlich zwei Dutzend Rennradler auf der Strasse vorbeifahren sehen. Nicht ungeschickt, wir sind auf dem Weg nach Innsbruck nicht alleine.

Endlich raus aus den Winterklamotten. Die kurze Trägerhose bleibt, die Knielinge kommen dran, das rote Saeco-Trikot und ein frisches Unterhemd, andere Socken und wieder die Rennradschuhe zur Abwechslung. Noch ein anderes Kopftuch, die Trinkflasche füllen und die Armlinge in die Trikottasche. Ab geht die Post!

Endlich mal Sonne und Wind auf den Armen. Bis nach Innsbruck geht es ruck-zuck, zuerst hängt sich einer hinter uns, wir waren mit unseren stark 30 km/h etwas langsam, nach einer Abzweigung geht der Rennradler in Führung. Ich strample mit 125er Trittfrequenz als letzter hinterher, geht aber gut, die Beine sind locker. In Innsbruck konnten wir schön erleben, dass man mit einem Fahrrad durchaus im Verkehr gut mitschwimmen kann - wenn man sich etwas Mühe gibt...

Dann geht es los - die alte Brennerstrasse. Ich befahre sie zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Fahrrad. Schnell noch eine Markierung im HAC4 setzen und wir kurbeln uns inmitten lebhaftem Verkehr (aus meiner Sicht) nach oben. Rosti führt, wir fahren locker, das Tempo passt wunderbar zum Singlespeedtritt, etwa 50 bis 60 Umdrehungen habe ich in der Regel auf der Anzeige. Ich kann bergwärts sogar regenerieren.

Blos dieses dauernd vor meinen Augen vorbeihuschende Mavic-Aufkleberdingens nervt ein wenig. Die Europabrücke kommt in Sichtweite, für ein paar Fotos halten wir mal an:





Der Bus wartet auch in einer Kurve auf uns, wir fahren weiter.

Rosti freut sich, dass er wieder gute Beine hat. Ich wundere mich bei jedem Haus am Strassenrand, wie man da leben kann. Brutal bei dem Verkehr und was ist wohl dann erst, wenn Autobahnsperrung ist?

Wir überholen keine anderen Radler, wir werden auch nicht überholt. Nur Autos und Moppeds sind mit uns unterwegs. Wenn die Sonne weg ist, ist es kühl auf den Armen, ansonsten jedoch alles im Lot. Ein gutes Stück vor dem höchsten Punkt steht der Bus in einer Ortschaft.





Wir halten und essen. Ich nehme diesmal neben Obst auch ein Wurstbrötchen. Nicht schlecht, ein anderer Geschmack. Wir ziehen die Armlinge und die Windwesten an und nach vielleicht 15 Minuten geht es weiter. Sicherlich hätten wir die Pause an dieser Stelle nicht benötigt. Egal. Es ist jetzt so um 13 Uhr rum, wir haben jetzt gute 400 km geschafft. Die bisherig längste Raddistanz Nürnberg - Budweis habe ich damit überboten. Und ich bin immer noch singlespeed unterwegs.

Die Autobahn ist rechts über mir sichtbar. Noch ein deutlicher Höhenunterschied. Wir müssen auf das gleiche Niveau kommen. Blos, wie soll das gehen bei der bisher sehr sanften Steigung? Die Frage klärt sich knapp vorm Brennerübergang, es kommt eine zünftige Rampe mit bis zu 10% und ich kurble meinen Stiefel hoch.

Oben an der Tankstelle halte ich, suche die Kamera raus und knipse Rosti beim Bewältigen der letzten Steigungsmeter vor der Tankstelle.





Es fängt leicht zum Regnen an. Reißverschlüsse zu und dann geht es durch die Grenze und wir rollen auf der irre breiten Strasse auf italienischer Seite runter.

Die HAC4-Auswertung sagt, dass der Brenneranstieg etwa 36 km lang war und 740 hm überwunden wurden. Im Schnitt lediglich 2%, also doch kein Wunder, dass die Jungs beim Ötzi hier abdrehen. Meine 32% Mehrgewicht gegenüber Rosti treiben mich schön bergab, Rosti bleibt im Windschatten natürlich locker dran. Kurz vor Gossensass habe ich wieder knappe 80 km/h und die Ortsdurchfahrt geht mit dem normalen Verkehrsfluss.

Mann, wenn die da beim Ötzi voll durchkacheln? Da fliegen doch die Fetzen?

Schnell ist Sterzing erreicht, es wird etwas flacher und ich rechne mal kurz im Kopf, dass ich auf jeden Fall zwischen 400 und 430 km mit 48/19 gefahren bin. Das reicht mir als aktuelle persönliche Bestleistung. Ich lege jetzt ab und an mal einen dickeren Gang auf, mehr als 48/17 braucht es jedoch kaum.

Der Regen wird stärker, die Socken sind schon naß. Es ist warm, schwülwarm. Zwischen Freienfeld und Mauls rufen wir mal M&M an, wir wissen nicht, wo sie sind. Der Bus war schon weiter südlich und kehrt um. Wir treffen uns in Mauls bei etwa 440 km. Ich rufe zu Hause an, es ist schon mitten am Nachmittag und wir haben noch 170 km oder so vor uns. Es wird wohl acht Uhr Abend werden...

Das soll ein Rücklicht werden?







Brixen, Bozen, Trient und Rovereto sind die nächsten Meilensteine. Ab jetzt trinken wir ein Wasser-Colagemisch, es ist nicht zu warm, also können wir die Brühe einigermassen "geniessen". Hauptsache, es gibt Kraft in den Keulen.

Brixen hat noch eine ordentliche Seehöhe, Gegenwind hat es wenig und so rollt es recht gut weiter bis Bozen. Es ist nach wie vor schwülwarm und feucht, ich mag dieses Wetter und als ich mal wieder in der Führung bin, lege ich nach und nach die dickeren Gänge auf. Schlussendlich geht es mit 48/14 und 50 km/h ein Stück weit zügig dahin, es macht mir Spaß, einfach mal zu bolzen. Ein Blick auf den Pulsmesser: 166er HF. Normalerweise stünde da jetzt mindestens 185. Mehr wird es halt nicht mehr. Rosti brüllt von hinten, ob ich die Schnauze voll habe. Ja, so ungefähr kann man meine Bolzerei auch interpretieren.

Kurz vor Bozen gibt es Gels aus dem Bus raus und später ein kurzer Halt für frisches Trinken. In Bozen passt uns Markus mit der Kamera an einer Baustelle ab und danach ist eine Pause.



Die Faxen doch schon dicke?



Ich wechsle die Schuhe. Körperliche Beschwerden gibt es noch keine, allerdings spüre ich meine Trizeps. Die Griffpositionen wechsle ich häufig durch, beide fahren wir auch viel im Unterlenker. Das ist gleich mal ein gewonnenes Kilometerchen pro Stunde.

Durch Bozen kommen wir flott durch, ob die Strassen wirklich für uns Radfahrer gemacht sind?



Keine Ahnung - es regt sich niemand auf und schon geht es auf den nächsten Meilenstein Trento zu. 56 km sagt das Verkehrsschild. Es wird flacher, stellenweise gibt es Gegenwind. In zwei Stunden sollten wir den Abschnitt netto erledigt haben. Ein Schild an der SS12 informiert uns, dass wir jetzt im Bereich Trento angelangt sind, einige km später steht zum Glück der Bus auf einem Parkplatz.

Ich habe seit einigen km die Andeutung von Sitzbeschwerden. Die Radhose wirft (warum auch immer) jetzt Falten an der Innenseite der Oberschenkel, ich will mich keinesfalls wundscheuern. Hinter einen Busch hüpfen, Knielinge und Radhose runter und die gute Next-2-Skin von Gore, die bis über die Knie reicht an - gar nicht so einfach, bei den aufgequollenen Oberschenkeln - und ich fühle mich wie jemand, der Stützstrümpfe gegen Trombose an hat. Der Hosenwechsel war höchste Eisenbahn.

Sehnsüchtiger Blick Richtung Süden:



An dieser Stelle habe ich etwa 545 km auf dem Tacho und ca. 3.900 hm. Das entspricht genau dem, was Trondheim - Oslo an Daten hat. Rostis Freundin ist die Tour erst kürzlich gefahren und ich bin zufrieden, diese Marke auch erreicht zu haben. Die Kilometer 400, 500 und 540 waren mir bisher wichtig und eine Motivationshilfe. Jetzt sind es also noch etwa 60 km bis ins Ziel.

Mein Tacho ist knapp an der 10-Stunden Marke und ich mache das Resetspielchen wieder. Zufälligerweise stehen wir genau auf der Seehöhe meiner Heimatgemeinde (Wenn man mal Fehler in der Messung wg. Wetteränderungen wegläßt.). Schlussendlich habe ich über 22 Stunden eine barometrische Höhenmessung gehabt, die lediglich 30 hm zu niedrig am Lago di Garda angezeigt hatte. Nicht schlecht und ausserdem ein Indiz für Wetterbesserung.

Es ist etwa 18 Uhr und wir machen uns auf den Weg rein nach Trient. Die Ortsdurchfahrt wird kompliziert, Markus ist von Rosti instruiert und sie wollen uns mit Unterstützung des Navisystems durch Trient führen. Leider geht die Aktion in die Binsen, wir stehen plötzlich auf der Stadtautobahn!

Sofort rechts ran und beratschlagen, was zu tun ist. Es besteht die Möglichkeit, dass wir an einem Brückenbauwerk seitlich einen schmalen Fußweg zurück benutzen könnten. Während ich mir das anschaue kommt schon ein Streifenwagen. Auf Englisch wird die Situation geklärt, Rosti erläutert, wo wir hin wollen und die Carabinieri "erlauben" uns, uns die zweihundert Meter rückwärts über die Brückenrampe zu bewegen.

Auf der anderen Seite dann alles wieder ganz einfach, wir fahren am Fluß entlang bis wir die Schilder nach Rovereto sehen. M&M haben jetzt, etwa 40 km vor dem Ziel, die Aufgabe, am Lago einen Zeltplatz aufzutreiben.

Wir orientieren uns mit unserem Roadbook. Flüssigkeit war noch vorhanden, Gels und Riegel auch (ich habe auf der ganzen Tour lediglich drei Riegel gegessen). Die Landschaft ist unbeschreiblich schön, die ganze Zeit über seit Bozen gab es reichlich Motivation für die Augen. Burgen auf nadeldünnen Felsspitzen, tolle Gesteinsformationen, die Obstplantagen, Blicke in den Eisack, das Kuddelmuddel der Verkehrswege Bahn, Autobahn, SS12 auf engstem Raum usw.

Jetzt, kurz vor Ende der Tour wurde der Himmel leicht bedrohlich. Von Süden zog ein Wetter herauf, über dem Lago hingen riesige weiße Wolken, im Osten regnete es, im Westen war es auch nicht mehr freundlich, die Sonne versteckte sich schon hinter den Bergen. Ob wir nochmals naß werden würden? Ach, egal - so kurz vor dem Ziel ist das auch wurscht.

Das Stück von Rovereto nach Torbole war anstrengend. Rosti wollte nicht mehr führen, kein Problem - ich denke, wir haben sehr ausgeglichen gearbeitet und so machte ich die restlichen 25 oder 30 km die Arbeit. mehr als 25 bis 27 km/h waren auch bei mir nicht mehr drin. Es war auch wellig und ich wunderte mich über den Strassenverlauf, der wieder ein Stück vom Lago abdrehte.

Der Verkehr war heftig, warscheinlich wollten die Leute alle schnell am Samstag Abend auf ein Abendessen mit Promenadenspaziergang nach Riva d. Garda oder so? Es fing leicht an zu regnen und die Regentropfen halfen etwas beim Kopfrechnen, ich tüftelte ein wenig herum und die Stelle, an der ich 600 Streckenkilometer hinter mich gebracht hatte, die finde ich noch in 10 Jahren wieder.

Was für ein Gefühl. Knapp die Hälfte von Paris-Brest-Paris. Sind die bescheuert, die P-B-P fahren? Jetzt nochmal das Ganze? Wie fühlt sich das an, wenn man mal geschlafen hat und wieder auf's Rad muss? ich will es gar nicht wissen...

Jetzt kam noch Europas niedrigster Pass (287 m ü.NN) und wir düsten mit Höchstgeschwindigkeit runter zum See. Ein kurzes Telefonat und wir wurden vom Bus zum Zeltplatz geleitet. Es war ca. 20:24 Uhr, als ich meinen Tacho gestoppt hatte.

Finish auf dem Zeltplatz. Ohne Baum wäre ich umgefallen...



In der Nähe war eine Gruppe Ludwigsburger, die bei Bier saßen. Rosti organisierte uns zwei Hefe und wir stießen auf die Aktion erstmal an. Die Jungs dort haben nicht ganz gecheckt, was wir gemacht hatten. Die haben geglaubt, wir hätten eine mehrtägige Etappenfahrt hierher gegondelt...

Nach Zeltaufbau und Körperpflege ging es zum Pizzaessen mit Salat und Wein. Decken wir den Mantel des Schweigens darüber, bei uns gibt es bessere Pizza...

Gegen 24 Uhr waren wir in den Schlafsäcken. Nach 10 Stunden festem Schlaf war die Nacht vorbei.

Sonntag, 10. Juli

Essen und Sachen packen war eines

 

 

und um die Mittagszeit startete Rosti den Bus und führte uns durch das Arco-Tal, um ein paar Eindrücke seiner Klettererfahrungen zu beschreiben.

Bei Trient kamen wir wieder auf die SS12. Wenn wir am Samstag das letzte Stück über die zwar schöne aber arg kupierte S45bis gefahren wären, dann hätten wir ein Fiasko erlebt. Hügelig ist leicht untertrieben...

Ein Stück weiter nördlich fing es an zu regnen und hörte über längere Strecken nicht mehr auf. Von daher hatten wir mit unserem Wetter doch erhebliches Glück.

Eine Kaffeepause gönnten wir uns noch und es ging weiter, über die Bundesstrasse hoch zum Brenner und dann nach Innsbruck. Erst jetzt wurde mir so richtig bewusst, was für eine Distanz wir zurückgelegt hatten. Wie schnell man mit dem Auto von z.B. Trient nach Bozen kommt und wie zäh sich diese 60 km auf dem Rad angefühlt hatten.

Rosti erzählte wieder von Radtouren im Alpenraum und die Zeit im Auto verging recht flott, das Radio berichtete von Jens Voigts gelbem Trikot aber auch von Starkregenfällen im Alpenraum.

Und nicht zu vergessen - Markus, endlich mal Ruhe...



Rosti:



Unbekannter Anhalter:



Es regnete auf unserer Route erheblich und jeder Radler, den ich aus dem trockenen Auto heraus zu sehen bekam, tat mir leid.



Erst ein gutes Stück drin in Deutschland hörte der Regen auf und nach etwas Stau waren wir gegen 20 Uhr in Ludwigsburg zurück.

Rostifreundin begrüßte uns und hatte gekocht - danke schön hier nochmal, Susi!



Um Mitternacht lag ich zu Hause im Bett - ein schönes Gefühl.

Ein paar Zahlen

Von Freitag um 14:03 Uhr bis Samstag um 20:24 Uhr waren wir für 605,61 km unterwegs.

Reine Fahrzeit 22:07 h und somit ein Nettoschnitt von ca. 27,5 km/h. Brutto gut über 30 Stunden...

Die letzten 62 km hatten wir einen 30er Schnitt. Von Innsbruck bis an den See auch. Für die ersten 10 Stunden waren es 26,8 km/h. Für die zweiten 10 Stunden 27,8 km/h.

Die Maximalsteigungen lagen bei 12% bis 13%, Gesamthöhenmeter 4.070 hm. In den ersten 10 Stunden davon 1.740 hm. Die zweiten 10 Stunden etwa 2.080 hm, die letzten gut zwei Stunden dann noch 250 hm.

Der schnellste 100 km Abschnitt (zwischen Streckenkilometer 400 und 500) dauerte brutto 3:56 h, der langsamste Abschnitt brauchte zwischen Streckenkilometer 100 und 200 brutto etwa 6:36 h.

Zwischen Freitag 8:30 Uhr und Samstag 24:00 Uhr kein Schlaf.

Komischerweise hatte der Schlafmangel kaum Einfluss auf die Leistung.

Durchschnittspuls lag bei etwa 135.

Hier noch das Längsprofil:



Probleme

Keine wirklich belastenden oder nervigen. Bis auf den kleinen Fehler, keine richtigen Überschuhe dabei gehabt zu haben. Auf den letzten 100 km hatte ich kleinere Schwierigkeiten mit der Lenkerposition. Egal was ich gegriffen hatte, nach kurzer Zeit taten mir die Trizeps weh. Aber das war auszuhalten.

Danke!

An Susi, Martina, Markus - auch an v2osports, die Jungs haben schliesslich die Idee geliefert und einen Teil der Streckenplanung.

Und vor allem an Rosti. Du Tier!

Ohne ihn hätte ich den Schlussabschnitt ab Bozen vermutlich moralisch nicht gepackt und das Finish wäre auch nicht das gewesen, was es dann für uns war.

Rosti, während der 110 km, die ich alleine unterwegs war, hast du eigentlich nur bei den Abfahrten von Ettal runter bzw. nach Telfs hinab was verpasst. Der Rest war nicht soooooooo spannend.